Unsere Ansicht zu den Lebensbedingungen

alles rund um die Azoren allgemein.
Dieter Gosdzinsky
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Unsere Ansicht zu den Lebensbedingungen

Beitrag von Dieter Gosdzinsky » 19.07.2008, 10:07

Hallo Forum,

eigentlich zufällig bin ich aauf diese Seite gelangt, auf der Suche nach Neuem von Sao Miguel. Wir waren Ende Februar 2005 auf der Insel, es hat uns sehr gefallen und wir wollten wieder mal hin.

Wir leben und arbeiten seit 1964 auf Ibiza, (ich seh schon, wie ihr die Lefzen hochzieht).
Immer wenn unsere Zeit es zuläßt, machen wir einen Abstecher auf eine ähnlich große Insel im europäischen Kulturkreis, um zu sehen, wie leben die anderen, 7 Tage in der Woche auf immer Achse, mit allen Sinnen in allen Winkeln unterwegs, im Gespräch mit den Menschen, die sich ansprechen lassen, und immer in Hochachtung vor den zivilisatorischen Leistungen der Insulaner, denn Inselleben war hartes, entbehrungsreiches Leben, immer noch.

Einige der Forumsteilnehmer scheinen aber die Azoren verklärt als Aussteigerparadis zu sehen, in dem man mit wenig Mühe vom Ersparten seien Leben verbringen kann, wo man evtl. auch eine Arbeit findet und wo ansonsten alles so läuft, wie man gewohnt ist.

Ich glaube, dem ist nicht so, jedenfalls nicht in Sao Miguel, mehr kennen wir nicht von den Azoren. Wer sich dort niederläßt, auf Dauer, wird auf einige der auf dem Kontinent selbstvertändlichen Bequemlichkeiten verzichten müssen.

Sao Miguel ist geologisch ein großartiges Gebilde, keine Frage, schon bei Ankunft der Anblick auf die grandiosen grünen Hügel oberhalb des Flughafens, die Seen, die heissen Quellen, das frische Grün.

Aber genügt das auf Dauer? Ich sitze hier ja auch nicht jeden Tag an den Klippen und sehe mir den Sonnenuntergang an.

An das Wetter kann man sich gewöhnen, aber die Lebensbedingungen scheinen mir schwierig. Wertschöpfung erfolgt haupsächlich in der Landwirtschaft, es gibt eine Zementfabrik, eine Brauerei, zwei Teeplantagen, die zahlreichen Ananasgewächshäuser, ansonsten Gemüseanbau zur Eigenversorgung, (Obst kommt von der Algarve) und eine ansehnlich große Zahl an Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst. Der Tourismus ist Saisonbetrieb und eher unbedeutend. Die Wirtschaftsbetriebe, Supermärkte, Autovermietungen, Hotels, scheinen sich in den Händen von einigen Familien zu befinden. Diese Arbeitgeber warten sicherlich nicht auf Inmigranten, Arbeitssuchende gibt es unter den Einheimischen genug.

Die Verkehrsinfrastruktur, die Anbindung an das Festland, ist schwach, ausser SATA. Es fehlt wirklich so etwas wie ein Ferrydienst. Ich habe die Leute mal gefragt, wie sie das denn machen, wenn sie mal mit ihrer Familie aufs Festland wollen, nach Frankreich oder sonst wohin, mit dem Flieger und dann ein Auto mieten, mit 20 Kg Fluggepäck? Den Luxus, Auto volladen und dann mitKind und Kegel los, kennen sie gar nicht.

Betuchte Besucher bringen gern ihre ihre Karossen mit, die Frachtraten sind aber dafür viel zu hoch. Aus USA kann man ein Auto für weit unter 1.000,-- $ nach Europa bekommen. Man hängt also im Prinzip auf der Insel fest.

Und wenn man mal zum Arzt muß, kommt doch vor, wie ist das mit der Krankenversicherung? Oder wollt Ihr privat bezahlen? Wenn ich richtig verstanden habe, ist der Gesundheitsdienst ähnlich dem spanischen aufgebaut, kleine offizielle Praxen überall für die Grundversorgung, das einzige größere Krankenhaus befindet sich in Punta Delgada. Bereits bei Verdacht auf eine komplizierte Entbindung werden die Damen der 8 kleineren Insel nach Sao Miguel odr Lisboa gebeten. Wir hatten beim Ãœberflug Passagiere an Bord, die von Lisboa von medizinischen Behandlungen zurückkamen.

Die Lebenshaltungskosten empfanden wir als sehr günstig, günstiger als bei uns, auch Immobilien sehr günstig. Das Lebensmittel-Warenangebot empfanden wir als eingeschänkt, Fleisch war erstklassig, Fisch war eine Enttäuschung. Das ist aber auf Madeira ebenso. Die Essenqualität tendiert eher zum britischen.

Die Sprache scheint schwierig, ich verstehe mit meinem Spanisch einen Brasilenho besser als einen Acoriano, die Zeitungen kann ich lesen. Wir sind dann immer wieder ins Englische abgerutscht, aber auf dem Land gibt es wenige Leute mit Englischkenntnissen. Manchmal dachte ich, wir sind in China.

Die zivilisatorische Leistung, der Aufbau in den wenigen Jahrhunderten, ist gewaltig, die haben ja bei null angefangen.

Uns fehlte aber die erkennbar fremde Kultur, in die wir gern eintauchen, wenn wir anderswo sind, ich fand auch die Menschen nicht einzuordnen und auch nicht besonders kontaktfreudig.

Das sind die Nordportugiesen und Gallegos aber auch nicht, sind eben Kelten, da waren die Römer nicht lang genug.

Dies ist kein Verriss, wir haben das so empfunden: Eine grandiose Insel, da kann man mehrmals hin, aber für immer bleiben wir wo wir sind.

Nun setze ich mir schon mal den Helm auf und ducke mich vor den Schlägen.


Beste Grüße Dieter Gosdzinsky

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antonsd
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Beitrag von antonsd » 19.07.2008, 15:22

hallo,

ducken brauchst dich nicht....
wir sind friedliebende Menschen.

Ich meine du solltest mal eine andere Insel besuchen!!

die Unterschiede sind enorm!

grüße
Anton
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Dieter Gosdzinsky
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Lebensbedingungen

Beitrag von Dieter Gosdzinsky » 19.07.2008, 20:26

Ja, Anton, das wollten wir schon beim ersten Mal, nur woher die Zeit nehmen. Wenn der Alte weg ist, läuft der Laden nicht rund, wir können nicht zumachen, das Personal kostet weiter. Wir hatten sowieso bei der Anreise einen Tag verloren: Lisboa Ponta Delgada planmäßig ab 20.30 utc, Landung auf Santa Maria - hallelija - seitliche Sturmböen bis 120 km/h, Santa Maria hatte die einzige Landebahn, auf der wir gegen den Wind landen konnten, nach 2 Stunden und bei heftigem Regen aus der Baracke des Flughafens, zurück nach Lisboa, am nächsten Mittag, 12.00 utc dann ein erneuter Versuch, herrliches Wetter, zufriedene Gesichter allüberall. Wir hatten uns in der Zwischenzeit mit der halben Maschine angefreundet, so etwas schweiß zusammen, in Ponta Delgada sieht man sich ja dann wieder.
Mich interessiert Horta, es soll ja wohl noch Reste der Transatlantik Relaisstationen zum Ansehen geben, weil, bin Funkamateur EA6YF und DL7AEA und da haben wir gleich wieder den Wermuthstropfen- Wenn ich mit dem Auto fahre. nehme ich zumindest eine Kiste und Antenne mit
Wir haben uns Eure Seite angesehen, sehr interessant. Ich schick Euch mal eine PM.
Nun erzähl mir aber mal: Wie kommt man denn nach Pico, geht das auch direkt oder immer über Sao Miguel? Das sind ja noch einmal gut 300 km.

Gruß Dieter Gosdzinsky

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antonsd
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Beitrag von antonsd » 19.07.2008, 20:35

hallo,

ja das geht direkt, aber nur einmal wöchentlich, daher rate ich immer nach Horta, und von dort mit der Fähre. die fährt mehrmals am Tag und kostet 3,25E
Aber das alles immer mit Zwichenstop in Lissabon.


grüße
Anton
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acoriano
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Vergleich der Lebensbedingungen auf Ibiza und Sao Miguel

Beitrag von acoriano » 21.07.2008, 11:32

Auf Ibiza war ich jährlich zwischen 1997 und 2002. Vor allem Ibizas Norden hat es mir damals angetan, insbesondere die Cala Benirras! Leider frequentieren einfach zuviel Menschen diese Insel (wohl rund 2,5 Millionen pro Jahr) und selbst Seßhafte gibt es dort inzwischen auch schon 120.000!
Damals träumte ich davon auf Ibiza eine renovierungsbedürftige Finca zu erwerben. Ausgeträumt, denn dafür hätte man schon Ende der 90-er Euro-Millionär sein müssen...und nachdem ich mich am Strand dann fast mit drei randallierenden Franzosen geprügelt hätte, war Ibiza für mich passe...zuviel Assoziale, zuviel Müll, zuviel Baumafia, zuviel...

Mir ist dann klar geworden, dass man bei "Entdeckungen" einfach einer der Ersten sein muss! Und auf den Azoren - genau: Santa Maria - war ich das dann auch. Zwar nicht einer der Allerersten, aber noch Nachzügler der ersten Welle...2004 war alles (Immobilien, etc.) noch relativ billig! Jetzt, 2008, wäre man sicher schon zu spät...
Sao Miguel ist nicht gerade die typische Azoren-Insel, dafür ist sie viel zu stark entwickelt. Für Arbeitsplätze ganz O.K., aber nicht gut für Ruhe und Ursprünglichkeit...

Die anderen 8 Azoren-Inseln haben eine noch etwas unterentwickelte Infrastruktur, die aber von Jahr zu Jahr merklich besser wird. Aber das ist ja gerade das Schöne und Interessante. Und trotzdem: nur innerhalb von vier Jahren sind z.B. auf Santa Maria drei (!) Baumärkte aus dem Boden geschossen...und darin findet man sogar Sicherheitsschuhe der Größe 46!
Mittelfristig wird nur Sao Miguel zu einer Touristen-Hochburg ausgebaut werden, die anderen Inseln werden sich zwar weiter entwickeln, aber im Großen und Ganzen doch provinziell bleiben. Gott sei Dank, kann ich nur sagen!

horta3

Beitrag von horta3 » 21.07.2008, 14:24

Ich kann das selbst nicht so gut beurteilen, aber ein weit gereister Bekannter sagte mal, dass er dort nicht mehr Urlaub machen möchte, wo man die Bild-Zeitung kaufen kann. :cry: :wink: :D

klee
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Beitrag von klee » 21.07.2008, 20:05

Da kann man sich doch eigentlich nur viel Regen wünschen. Nein, eigentlich reicht schon ein bisschen Dunst und Wolken. Das schreckt das Gros der Sonnenanbeter schon ab (siehe Hotelflop an der Vista do Rei auf SMI)

Hanebüchen fand ich z.B. was ich auf Teneriffa gehört habe. Dort hat man 2005 in Los Gigantes Hotelburgen hochgezogen - angeblich nur deshalb, weil 2004 dort die meisten Sonnenstunden gemessen wurden. ??????

Sicher mag auch ich die sonnigen Tage, aber wer mal 2 Jahre in Italien gelebt hat, im Smog und Dunst der Poebene, der weiß wie schön Regen sein kann.

Und fern der Heimat zu leben ist immer etwas anderes als dort Urlaub zu machen, das hab ich dort auch gelernt - so schön es auch war. Man sollte sich das Auswandern gut überlegen. Andererseits, wenn man es sich vorher gut überlegen würde, würde es wohl kaum einer mehr tun. Das ist zumindest meine Theorie... ;-)

Ze
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Beitrag von Ze » 22.07.2008, 23:08

Hallo Dieter,

kannst Du Dir vorstellen im letzten Dorf des bayerischen Waldes oder manchen Ecken der „neuen Bundesländer“ zu wohnen?
Unterhaltung, Kultur, Arbeitsmöglichkeiten, Krankenversorgung, Einkaufsmöglichkeiten?

Dagegen sind (zumindest die Hauptinseln) der Azoren auch in dieser Hinsicht ein Paradies.

Mit Deinem Posting hast Du mich wirklich ins Grübeln gebracht: Welche Bequemlichkeiten vermisse ich auf den Azoren?
Ja, die Möglichkeiten einen guten Arbeitsplatz zu finden sind gering (Arbeit zähle ich aber nun wirklich nicht zu den Bequemlichkeiten :-)))).

Die ärztliche Versorgung? Wer heute in Deutschland AOK-Patient ist erlebt auch nichts anderes wie auf den Azoren. Zumindest auf San Miguel, Terceira und Faial ist die Notfallversorgung (nach meinen Erfahrungen) nicht schlechter als in Deutschland.
Wer über lange Wartezeiten in der Ambulanz, Kosten beim Zahnarzt, oder generell über das „abgefertigt werden“ auf den Azoren klagt, der war einfach schon lange nicht mehr in Deutschland.
Die besten Chirurgen sind z.B. auf San Miguel, der renommierte Herzspezialist und ein spitzen Augenarzt in der Klink von Horta etc. Die Inseln sind zu klein, als dass es auf jeder Insel Spezialsten für jeden Bereich geben könnte. Aber wenn es nötig ist bringt ein Hubschrauber jeden Notfall dorthin wo ihm geholfen werden kann.
Ich habe eine Reihe von Operationen / Notfällen erlebt die in Deutschland nicht besser behandelt worden wären.

Hintergrund: Ärzte, die in portugiesischen Krankenhäusern auf dem Festland arbeiten, schlecken sich alle Finger nach einem Job in einem azorianischen Krankenhaus. Die Arbeitsbedingungen sind nämlich ungemein besser, das Leben wesentlich stressfreier. Das hat zur Folge, dass sich die Azorianer ihre Ärzte nach Qualifikation aussuchen können. So findet man ausgesprochene Spezialisten dort.

Natürlich ist es auf den abgelegenen Inseln problematischer. Flores, Corvo, Graciosa, Sta.Maria, und. S.Jorge haben keine großen Krankenhäuser.
Ãœbrigens: Wenn eine Behandlung auf dem Festland nötig ist, bezahlt die Krankenversicherung die Flüge.

Ich weis immer noch nicht welche „Bequemlichkeiten“ ich auf den Azoren vermisse.
Natürlich hängt alles an den Sprachkenntnissen: Unterhaltung und Kultur, Freundschaften und Kontakte, Sport und Hobby, Arbeit und Beruf. All das gibt es natürlich nicht ohne die Sprache.
Da ich halbe/halbe in Deutschland und den Azoren bin, müsste ich eigentlich wissen was ich dort vermisse, aber es fällt mir nichts ein.
Wäre ich jünger, na dann vielleicht der „live-style“, der Rummel, Diskos, „Events“ und so was. OK, da ist auf den Azoren ein echtes Problem. Wer aber damit fertig wird, einen neuen „Trend“ mal zu verpassen und nicht immer „in“ zu sein, der kann da schon überleben.

So sind die Azoren doch ein Paradies, und wie die Portugiesen sagen: „cada paraiso tem uma cobra“, so wird die Schlange in diesem Fall evtl. der fehlende life-style sein.

Mit lieben Grüßen
Ze

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Klima in Deutschland und auf den Azoren

Beitrag von acoriano » 23.07.2008, 10:14

Allein das deutsche Wetter der letzten drei Wochen müsste eigentlich Grund genug sein, um hier sofort abzuhauen...
Dieses ständige Rauf und Runter. Erst Anfang Juni heiß wie in der Sahara (aber schwül wie im kambodschanischen Urwald) und Ende des gleichen Monats nicht einmal 13°C (!). Zudem Regen fast ohne Ende...für mich die Hauptursache, warum viele Menschen hier so gereizt und teilweise auch bösartig sind...zwischen Klima und Mentalität gibt es auf jeden Fall einen Zusammenhang!

Um wie viel schöner ist es auf den Azoren! Ozeanisch-mildes Klima mit relativ nah beieinander liegenden Temperatur-Minima und -Maxima. Und wie freundlich erst die Menschen sind! Nicht solche A........, wie z.B. einige meiner Nachbarn!

Mir wird es in 7,5 Jahren (ich zähl' schon mal die Monate) sehr leicht fallen Deutschland, Arbeit und hiesigem Haus den Rücken zu kehren. Eigentlich kann ich es jetzt schon kaum erwarten. Aber es gibt Zwänge (Arbeit, Finanzielles, etc), die einen Sofort-Ausstieg unmöglich machen. Trotzdem sorgen wir rechtzeitig vor: das neue Zuhause auf den Azoren steht bereits und bietet zwei mal im Jahr nicht nur Unterschlupf, sondern paradiesische Natur und Ruhe. Keine saufend-grölenden Nachbarn (der typische deutsche "Michel" kann ziemlich primitiv sein), keine Kalt-Heiß-Kalt-Wetterphasen im Akkord...

Wie sagt doch der sonnen-bebrillte Bösewicht in "Matrix" zu Morpheus: "Von Euch Menschen gibt es auf diesem Planeten einfach zu viele! Und ihr schwitzt auch..." Da wächst die Sehnsucht nach einem nicht übervölkerten Paradies (wie der Azoren-Insel Santa Maria) schier ins Unermäßliche. Sehr wenig Menschen (ca.5.900), viel intakte Natur, keine Industrie, ein gigantischer immer präsenter Ozean und ein ausgeglichen-mediterranes Klima. Mensch, was willst Du mehr?

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antonsd
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Beitrag von antonsd » 23.07.2008, 10:27

hallo an alle,

acoriano, Ze, :P :P :P

ich kann euch nur zustimmen.
Genau so sehe ich die Azoren und bin sehr froh, dass ich vor fast 3 Jahren hier hergezogen bin. :lol: :lol: :lol:

Grüße
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Dieter Gosdzinsky
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Lebensbedingungen

Beitrag von Dieter Gosdzinsky » 23.07.2008, 21:10

Guten Abend, das Echo auf meinen Erguss ist ja unerwartet erfreulich und freundlich. Der Beitrag der zweiten Welle von ZE? gefällt mir gut, es ist genau das, was mich interessiert angesprochen, einige Fragen sind beantwortet, ich hätte aber noch viele, viele mehr, befürchte aber Euch mit meiner Neugier zu nerven.
Was ich anmerken wollte ist, daß wenn jemand euphorisch vom 15 Tage- Urlaub zurückkommt und findet, das da war das Paradies, der sollte genauer hinsehen. Die Paradiese sind knapp geworden.
Wir kennen das Thema, haben hier viele kommen und wieder gehen sehen, die dann wieder unter das Dach von Vater Staat oder die Fittiche der wohlhabenden Eltern zu schlüpften. Das war damals die sogenannte Hippy-Zeit und von denen, die wir erlebt haben, und das waren sehr viele, hat kaum jemand den Schritt in ein zufriedenes Leben geschafft.
Gut, wir sind eine richtig spießige, bürgerliche Familie, die Umsiedlung war geplant, das Ziel eher zufällig - ich wußte 1960 nicht wo Ibiza liegt - und mit dem Vorsatz und der Illusion, sehr schnell sehr erfolgreich zu sein, wir waren ja schließlich deutsch und können alles besser. Ja Pustekuchen. Der Anfang war hart 1962, frisch verheiratet, Stadt- und Büromensch, kein Elektrisch, kein Wasser, keine Strassen, vom Zoll verplomptes Auto, wenig Sprache (und dann sprechen die hier auch noch katalanisch), wenig Bares, kein Kundenstamm, hohe Einfuhrzölle, teure Frachtraten, kaum Infrastruktur, mieserable Verkehrsanbindungen und sauteure Flüge nach DL - 3 mal umsteigen, Probleme mit den Papieren und Behörden, für jeden Klacks ein Flug nach PMI.
Jetzt sind wir konsolidiert (wenn nicht jetzt, wann dann) und haben unsere Gewohnheiten und sehen uns halt mal überall um, ob es woanders nicht auch schön, vielleicht sogar noch schöner ist, und dann nix wie hin. Das mit der Bildzeitung ist ein Dogma, die habe ich glaube ich in Ponta Delgada auch gesehen, Dogmen soll man generell nicht haben, les sowieso keine deutschen Zeitungen, was interessiert mich Schawan und Wowereit, aber ich sehe mir neben dem Telediaro auch gern die Tageschau an, das ist so ein Luxus, den ich meine.
Ansonsten ist Ibiza natürlich an vielen Küsten zugebaut, ansonsten aber noch recht dünn besiedelt - Madaira hat die doppelte Einwohnerzahl bei wesentlich kleinerer besiedelbarer Fläche - und die Land und Hauspreise sind utopisch, dort wo man bauen darf, wegen der Baubechränkungen. In weiten Gebieten im Inneren ist die Parcela minima 15.000 m² oder 30.000 m² um überhaupt eine Licencia de Obra zu bekommen, und dann für 1 - 2 %, d.h. man kann schon noch in Ruhe leben, wenn man will. obwohl, der Spanier ist ein Stadtmensch, je mehr auf dem Haufen zusammen sind, je größer ist die Freude. Das passiert jetzt wieder in den verlassen Dörfern der Extremadura, da kaufen sich die Madrileños eine Zweitwohnung und sind dann in der Freiziet wieder alle zusammen. Das nebenbei.

Im Google Earth findet Ihr mich bei
Nord 38°58'00.11''
Ost 1°16'33.66''


Seid gegrüßt Dieter Gosdzinsky mit Alpha (ante portas)

Ze
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Beitrag von Ze » 23.07.2008, 22:12

Hallo Dieter,

Die Unbeständigkeit des Wetters, die lausigen Winter, die katastrophale Gastronomie, das Desinteresse der Azorianer am Tourismus, der Mangel an Badestränden, fehlende historische Ruinen, absolut kein Entertainment, kein Jet-Set, all das hält glücklicherweise alle die Leute, die glauben wegen ihres Reichtums keine Rücksichten nehmen zu müssen, von den Azoren fern.
Das sind also alles keine Nachteile der Inseln, sondern ihr geheimer Schatz.

Die Freundlichkeit der Menschen ist groß, aber bleibt dem flüchtigen Blick oft verborgen. Eine fremde Kultur, die Du vermisst, gibt es schon, nur ist das Eintauchen nicht so einfach. Es dauert sehr, sehr lange. Keine ansonsten inseltypischen Probleme bei der Wasserversorgung ist ein großes Plus das wenig auffällt.

A pro po Paradies. Mein Lieblingssatz dazu ist: „In der Hölle schafft sich der Teufel sein Paradies“.
Glück kommt nicht von Außen, da hilft auch kein Auswandern.

„Ze“ ist übrigens die Abkürzung von Jose (und hat daneben in Portugal noch die gleiche Bedeutung wie in Deutschland „der deutsche Michel“).

Liebe Grüße
Ze

klee
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Beitrag von klee » 24.07.2008, 14:46

Hallo ihr,

ich geb euch ja in allem Recht! Nur treffen manche Behauptungen über Deutschland nicht für alle Regionen zu. Es gibt durchaus schöne Gegenden mit netten Menschen - oder zumindest eine ;-)

Ich kenne eine Gegend in Deutschland - grüne Hügel, Steilhänge, Wind, Sonne, wechselhaftes Wetter, exponierte "Miradouros", Felsen, Höhlen, wilde Blumenwiesen, herrliche Wanderwege. Und die Menschen sind durchaus freundlich und offen (zugegebenermaßen nach einer Abwarte- und Prüfphase von Monaten oder Jahren ;-).

Tja - könnte die Beschreibung nicht auch auf die Azoren passen? Ich spreche von der Mittleren Schwäbischen Alb. *schluck*
Na gut, was hier eindeutig seit ein paar Millionen Jahren fehlt, ist das Meer und das ist kein geringer Mangel. Außerdem haben wir in den letzten Jahren doch auch mal ein paar Tage Schnee und Frost gehabt. Aber sonst?

Wenn ich nicht auf den Azoren sein kann, tröstet mich die Alb darüber hinweg. Auch wenn ich mal wieder lustige Erfahrungen mit nutzlosen Dienstleistern oder frustrierten Ärzten hatte.

Aber dies ist ja ein Azorenforum. Also wieder zurück zum Thema.

Ich denke im menschlichen Bereich gibt es leider auch auf den Azoren ganz genau die gleichen Verfehlungen und Verbrechen wie im Rest der Welt. Wie mit Tieren umgegangen wird, ist auch nicht immer schön mit anzusehen. An einem nicht gepflegten Küstenstreifen hab ich gesehen, was so alles mitten im Atlantik angespült wird: Müllkippe!

Ich will nicht die Azoren schlecht machen, aber Menschen sind nun mal so, es gibt nette und schlimme - überall.

Ich freu mich riesig auf meine nächste Azorenreise, die mich nach Flores und Graciosa führen wird, wo ich sehr nette Menschen kenne, wo ich die Seele baumeln lassen kann, wo ich mich fast wie zu Hause fühle, obwohl ich es nicht bin.

Jetzt interessieren mich eure Meinungen dazu!

Dieter Gosdzinsky
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Beitrag von Dieter Gosdzinsky » 25.07.2008, 20:37

Guten Abend,

also hmm, wenn du irgendwo lange genug, wirst Du feststellen, daß nicht nur Deutsche mißmutig sein können, der Mensch ist von Natur aus mies, sonst wäre er in der Evolution nicht so weit gekommen, und die Pelle Zivilisation ist hauchdünn. Die gegenwärtige Mehrheitsgeneration in DL scheint mir allerdings nicht sonderlich leistungsorientiert. Die Frage ist immer öfter: What will do the state for me, und selten: What can I do for my nation. ( das ist ein alter Spruch eines US-amerikanischen Präsideten)
Ich empfehle die Biografie von George Washington.

Was meinst Du was auf Sao Miguel auf dem Land im Inneren an Müll, alten Autos, leeren Düngermitteltüten und Pappkartons herumliegt. Das dazu.

Hat mal jemand festgestellt, wie ineffektiv ist, immer einen neuen Beitrag anzufangen, um seinen Senf dazuzugeben.

In der Mailinglist z.B. von OpenOffice kann man die Antworten direkt an der Stelle in den Thread geben, wo er hin soll. Das gefällt mir sehr, geht schnell und fördert Zusammenhänge.

Nun noch was.
Wie bewerten die Portugiesen ausländische europäische Qualifikationen in dem Fall, daß jemand ein Gewerbe betreiben möchte oder arbeiten will, in einer Branche, die einen Qualifikationsnachweis erfordert (ich denke an Gas-oder Elektroinstalltionen u.Ä.). Ist es ähnlich wie bei uns, daß mit Erlangung einer Arbeitsgenehmigung automatisch die Mitgliedschaft in der staatlichen Sozialversicherung verbunden ist? Gibt es auf den kleineren Inseln Ableger der Provinzverwaltungen, bei denen Papierkram erledigt werden kann ?

Ich bin jetzt zu faul selbst zu suchenund die Footprints herauszsuchgen, aber Ihr wisst sicherlich, ob es einen Nachrichtensateliten gibt, der die Azoren mit einem verwertbaren Signal ausleuchtet.
Wie wird Pico mit Strom versorgt, gibt es da eine Leitung von Faial oder ist die Insel autonom, wird Windkraft erzeugt und eingespeist, Wind gibt es ja genug, Solar scheint mit dort unattraktiv.

Also dann gute Nacht und schönes Wochenende. Dieter

Ze
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Beitrag von Ze » 26.07.2008, 10:20

Hallo Dieter,

Der Mensch sei von Natur aus mies und das einzig Gute sei der dünne Lack der Zivilisation?
Warum traf ich dann die unvoreingenommenste Hilfsbereitschaft, die echteste Gastfreundschaft und offenste Herzlichkeit immer so weit ab der Zentren dieser Zivilisation?
Warum war (und ist) die Ausbreitung dieser Zivilisation stets mit so viel Grausamkeit, Elend, Krieg und Vernichtung ganzer Kulturen verbunden?

Der kleine Mann soll nicht fragen was der Staat für ihn tun kann? Wofür gibt es Staaten? Aus Selbstzweck? Wofür finanziert es dieses Heer von „Verwaltern“ mit seiner Arbeit?

Die Azoren (und die restlichen Europäischen Länder) werden seit ein paar Jahren mit einer Flut von neuen europäischen Gesetzen überschüttet. Alle waren ausnahmslos zum Nutzen kleiner elitärer Gruppen, kein einziges für den einfachen Bürger. Oder kennst Du eines?

Ein Beispiel (aus dieser endlosen Reihe, die dir jeder Azorianer erzählen kann): Von heute auf morgen musste die Raumhöhe in Käsereien plötzlich 3,2m betragen. Eine Forderung die viele kleine Käsereien z.B. auf Pico, nicht erfüllen konnten. Entweder totale Verschuldung für einen Neubau, was die geringen Gewinne dieser kleinen Firmen nicht erlaubte, oder Ende dieser Existenz.
Was denkst Du, was sich unsere „Georg Washingtons“ dabei gedacht haben?

Der Mensch ist gut! Wenn man ihn gut sein lässt! Wenn man ihn nicht immer mehr einschnürt in ein Korsett aus Ängsten und Normen. Bis er anfängt aus Existenzangst und Ohnmacht um sich zu beißen und gierig zu werden.


Die „Mehrheitsgeneration“ in Deutschland ist nicht Leistungsorientiert?
Weil sie 1 Euro-Jobs nicht motivierend finden? Weil junge Leute nach Jahren voller unbezahlter Volontär –Jobs die Nase voll haben? Weil sie keine Lust haben (wie z.B. bei Amazon im Lager) erst einmal eine Woche (und mehr) umsonst zu arbeiten um dann doch keinen echten Arbeitsvertrag zu bekommen? Weil unbezahlte Ãœberstunden inzwischen in D in vielen Branchen zur absoluten Selbstverständlichkeit geworden sind? Weil oft eine feste Arbeitsstelle nicht mehr ausreicht um den Lebensunterhalt zu decken und dann paralleler Zweitjob am Abend oder das Sozialamt dazukommen müssen?
Sie würden das machen? Sie wären dazu Leistungsorientiert genug??
Sie haben offensichtlich in Ihrem Leben viel geleistet und gearbeitet. Hätten Sie das alles auch gemacht wenn sie dabei keine Perspektive für Ihre eigene Zukunft hätten sehen können?

Liebe Grüße
Ze

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