Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

alles rund um die Azoren allgemein.
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hjh
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Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

Beitrag von hjh » 01.09.2013, 08:56

Was die touristische Infrastruktur angeht, so können sich die Azoren keineswegs mit den Kanaren oder Madeira vergleichen. Landschaftlich sind sie gewiss ebenwürdig oder sogar, unter anderen Blickwinkeln, überlegen. Als die am nördlichsten gelegene Inselgruppe haben sie jedoch das kühlere und unbeständigere Wetter und sind oft im Gebirge wolkenverhangen. Mir gefällt dies, doch so manch sonnenhungriger Tourist hat Pech und ist enttäuscht. Die Azoren sind eben keine Inseln mit langen Sand- und Sonnenstränden. Sie haben vor allem ihre Reize in der unbeschreiblich schönen Natur.
Die azorianische Tourismuswerbung weiß dies. Daher umwirbt sie vor allem Naturfreunde und Wanderer. Und dies sind in erster Linie die deutschsprechenden Gäste. Es ist für mich daher nicht verständlich, dass man versucht, immer wieder andere Länder für einen Azorenurlaub zu gewinnen, deren Menschen eher sonnenhungrig sind. Das Riesenpotential deutschsprachiger Urlauber dagegen ist noch lange nicht ausgereizt.
Oft habe ich den Eindruck, die für den Tourismus Verantwortlichen wissen nicht, was die Gäste aus den deutschen Ländern erwarten. Sonst würden sie sich mehr auf deren Wünsche einstellen.
Hier einige Überlegungen, die ich teilweise schon früher geäußert habe:

• Die deutsche Sprache kennt man kaum
Englisch sprechen die allermeisten Azorianer. Es ist die „Lingua franca“ der Verständigung. Aber Deutsch sprechen allenfalls einige im Tourismusgewerbe. Schauen wir einmal auf andere Länder: Meist wird gegenüber den Deutschen auch deutsch gesprochen, zumindest rudimentär. Hier haben die Azorianer Nachholbedarf.

• Offizielle Homepage unattraktiv
Es gibt diverse deutschsprachige Azoren-Homepages. Offizielle, halboffizielle und private.
In ihrer Qualität sind sie sehr unterschiedlich. Gerade von den offiziellen würde man mehr sprachliche Qualität und Reichhaltigkeit erwarten. www.azoren-online.com steht für mich immer noch an der Spitze des Vielfalts- und Zuverlässigkeitsrankings.

• Wetterkarte mit den Azoren
Auf den Wetterkarten des deutschsprachigen Raumes, ob Presse oder Fernsehen, sind die Kanaren und Madeira meist eingeklinkt. Die Azoren fehlen immer. Die azorianische Tourismuswerbung bringt es nicht fertig, deutschsprachige Medien zu überzeugen, dass auch die Azoren zu Europa gehören.

• Teure Flüge
Die SATA ist kein Billigflieger. Oft ganz im Gegenteil. So erstaunt es mich immer wieder, dass man mit TAP via Lissabon oft billiger auf die Azoren fliegen kann als in einem Direktflug mit SATA. Auch Air Berlin ist oft günstiger. Daher wird sich so mancher, der gerne auf die Azoren fliegen würde, mit Blick in sein Portemonnaie die Reise zweimal überlegen.

• Fehlende Wanderkarten
Wir Wanderer in den deutschsprachigen Gebieten können uns mit hervorragenden Wanderkarten der verschiedensten Art orientieren. Meist haben sie die Maßstäbe 1: 50.000 oder 1: 25.000. Die einzige gute Azoren-Karte, die für Wanderer geeignet ist, ist die von Freytag und Berndt im Maßstab 1: 75.000. Was für mich völlig unverständlich ist: Die 25.000er- und 50.000er-Karten gibt es zwar zu kaufen, doch nur in Lissabon und nicht auf den Azoren. Allerdings sind in den Wanderheften der „Amigos dos Açores“ (kombiniert englisch/portugiesisch) davon Kartenausschnitte mit eingezeichneten Wanderwegen.

• Romeiros-Wanderweg

Die vor Jahren aufgekommene Idee eines Wanderweges auf den Spuren der Romeiros, der azorianischen Fastenzeit-Pilger, halte ich für ausgezeichnet. Denken wir nur daran, welch touristischer Segen der Jakobsweg nach Santiago de Compostela für Nordspanien bedeutet. Entsprechend beworben, hätte auch ein Romeiros-Wanderweg viele begeisterte Wanderer oder auch religiös orientierte Pilger nach São Miguel geführt. Romeiros pilgern auf den Straßen. Für Wanderer hätte man abseits neue Wege schaffen müssen. Das hätte gekostet. Und daher ist der Plan wieder eingeschlafen.

• Fehlanzeige Azoren-Kalender
Ich habe es in diesem Forum schon mehrfach bedauert: Es gibt keine azorianischen Azoren-Bildkalender zu kaufen. Man erkennt einfach nicht das große touristische Werbepotential solcher Bildkalender. In allen anderen Tourismusgebieten Europas gibt es sie in großer Auswahl.

• Azoren-Briefmarken

Auch mit Briefmarken lässt sich werben. Die Azorenpost gibt alljährlich einen sehr schönen Briefmarkensatz mit azorianischen Motiven heraus. Sie sind aber schnell vergriffen. Und dann wird man mit portugiesischen Briefmarken bedient. Oder gar mit Freistempeln.
Warum wirbt man nicht verstärkt mit den hübschen Azoren-Briefmarken?

• Deutsche Zeitungen und Zeitschriften: Fehlanzeige
Haben Sie schon einmal versucht, auf den Azoren eine deutsche Zeitung oder Zeitschrift zu kaufen? Die gibt es fast nirgendwo. Ich kenne kein anderes europäisches Touristengebiet, in dem ich nicht eine Auswahl von deutschen Printmedien erhalten kann. Auf Mallorca und auf den Kanaren und auch anderswo gibt es eigene deutsche Ausgaben der Bild-Zeitung. Und vielerorts, etwa auf den Kanaren und auf Madeira auch eigene deutschsprachige Zeitschriften und Zeitschriften. Doch auf den Azoren: Nichts dergleichen.

• Werbesymbol „Azoren“
Der offizielle wuchtige Schriftzug „Azoren“ des Azorentourismus ist inzwischen völlig antiquiert. Warum kreiert man nicht einen schönen neuen? Die Sata hat es vorgemacht: Die Flügelschwingen auf den Flugzeughecks waren nur wenige Jahre gebräuchlich, dann erfand man den Azoren-Habicht mit seinen neun Feldern, die der Größe der einzelnen Inseln entsprechen. Ich finde das eindrucksvoll. So könnte man sich auch für die Inselgruppe oder auch einzelne Inseln einprägsame, symbolhafte Piktogramme ausdenken.

• Azorendörfer oft wenig ausdrucksvoll
In Deutschland haben die alljährlichen Wettbewerbe für schönere Dörfer in den vergangenen Jahrzehnten erstaunlich Positives bewirkt. Auf den Azoren gibt es nichts dergleichen. Die Häuser haben kaum Blumenschmuck, der Hausanstrich lässt oft zu wünschen übrig. Öffentliche Anlagen sind oft langweilig, lieblos. Allerdings werden die „weißen Dörfer“ allmählich farbiger. Mit wenig Geld, guten Ideen und auch Eigeninitiative ließen sich hier so manche reizvolle Veränderungen bewirken. In diesen Tagen hat der Kreis Ponta Delgada damit begonnen, sogenannte „Sinaléticas“, Erläuterungstafeln zu Sehenswürdigkeiten aufzustellen. Ein guter Anfang.

• Bade-Tourismus liegt brach

Die Azoren hätten dank ihrer Thermalquellen die Voraussetzung für einen aufstrebenden Spa-Tourismus. Doch nichts dergleichen tut sich. Mangels Management und Werbung liegen die vorhandenen Einrichtungen weitgehend brach.

• Azoren-Museum Ponta Delgada

Die Azoren haben eine große Anzahl und Auswahl an gut gestalteten Museen. Doch ausgerechnet das größte Azorenmuseum in Ponta Delgada mit seinem reichen Bestand ist mit seinem Hauptgebäude seit über 6 Jahren geschlossen. Völlig unverständlich.

• Informationszentrum für Geothermie
Ziemlich einmalig und hochinteressant ist auf den Azoren die Energiegewinnung mittels Erdwärme. Ein Highlight wäre es auch für Touristen, würde man ihnen dies in einem Informationszentrum erläutern. Doch es gibt nichts dergleichen.

• Vulkanismus-Museum
Das Museum von Capelinhos auf Faial ist sehr gut gelungen und hat auch die entsprechende Anzahl von Besuchern. Aber die Insel São Miguel, die ja auch aufs Engste mit dem Vulkanismus verbunden ist, hat nichts dergleichen zu bieten; sieht man einmal von der stets geschlossenen Einrichtung an der Küste von Lagoa ab. Warum etwa nutzt man nicht einen der überflüssigen neuen Container am Ufer von Sete Cidades für ein kleines Vulkanismus-Museum?

Die Reihe der Anmerkungen ließe sich gewiss noch fortsetzen. Vielleicht kannst Du, lieber Tourist, Du, lieber Resident sie noch ergänzen.
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Re: Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

Beitrag von Roman » 02.09.2013, 08:15

2 anmerkungen:

Die freytag&berndt azorenkarte zeichnen wir seit 4 jahren in 1:50.000. das macht sie von der größe her unpraktischer aber entspricht dem trend.

Auf pico und sao miguel sind weitwanderwege am entstehen. Man mag über sinn oder unsinn und die wegführung diskutieren, aber was seit jahren gärt ist gerade an der umsetzung angelangt.
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Re: Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

Beitrag von hjh » 02.03.2014, 19:39

Heute Abend sagte man im ARD-Fernseh-Wetterbricht, Ausläufer des Azorenhochs würden uns gutes Wetter bringen. Na, das freut uns. Leider zeigte man nicht, wo denn dieses Azorenhoch liegt und woher es kommt. Du, lieber Leser und Azorenfreund weist dies natürlich. Aber wenn ich selbst von „meinen Azoren“ spreche, spüre ich oft, wie die Gesprächspartner in Deutschland etwas verlegen dreinblicken und überhaupt nicht wissen, wo sie diese Azoren geographisch einordnen sollen. Irgendwo im Mittelmeer könnte das sein.
Wenn in den deutschen Presse- und TV-Medien das Europa-Wetter gezeigt wird, bleiben die Azoren immer ausgeklammert. Wenn eine Europa-Karte erscheint, liegen die Azoren zu weit ab und bleiben auch verborgen. Immerhin: Die Kanaren werden noch eingeklinkt. Schauen wir unsere Euroscheine an, so gibt es nur drei undefinierbare Azoreninseln, möglicherweise São Miguel, Terceira und Pico, doch so genau lässt sich dies nicht erkennen.
Ich hatte einmal die Verantwortlichen des Azorentourismus gebeten, doch ihren Einfluss dahin geltend zu machen, dass die Azoreninseln in oben genannten Fällen auch einbezogen würden. Doch getan hat sich leider nichts.
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Re: Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

Beitrag von hjh » 08.03.2014, 10:27

Berliner, besucht uns!
Auf der diesjährigen Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) sind auch einige azorianische Firmen vertreten:
• Acores Turismo
• Sata International
• Panazorica – DMS
• Bensaude Turismo
• Melo Travel Lda.
• New Tour Azores S.A.
• DS Azores
• Azores – Futurismo Adventures
• The Lince Azores Great Hotel
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Re: Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

Beitrag von hjh » 13.10.2014, 09:23

Im kommenden Jahr 2015 stellt der Haushalt der Azorenregierung 18 % mehr Mittel für den Azorentourismus bereit. Bleibt zu hoffen, dass sie diesmal nicht teilweise verplempert werden wie in früheren Jahren.
Oben erwähnte ich schon einmal das antiquierte Emblem für den Azorentourismus, das hier unten abgebildet ist.
In aller Regel sollte ein solcher Schriftzug irgendeine Assoziation zum beworbenen Subjekt darstellen. Und das Azorenemblem?
Die blaue Blume oder was es sein soll sagt mir nichts. Und die enggestellten Versalien reizen mich auch nicht. Dabei haben die Azoren gute Grafiker, die irgendetwas Attraktives mit Bezügen auf die Charakteristika der Azoren kreieren könnten.
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Re: Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

Beitrag von Matsi » 17.10.2014, 21:20

Lieber hjh,

wir haben anscheinend verschiedene Wünsche. Ich find das ganz in Ordnung, das es auf den Inseln noch nicht von Touristen wimmelt. Ich vermisse auch die deutsche Sprache im Hotel, Restaurant oder auf der Speisekarte nicht. Sehe absolut keinen Nachholbedarf. Wenn es auf Sao Miguel zugehen würde wie an der Algarve, würde ich evtl. nicht mehr hinfliegen.

Die machen das ganz richtig (ob nun bewußt geplant oder nicht :) ) sich langsamer zu öffnen. Azoren-Nippes kann man auch zu Hauf kaufen (ich mag ja den ganzen Kuhkram auf Terceira. Im Ernst).

Deutsche Papierzeitungen werden auch in Deutschland bald weniger. Und den Anblick der in Cafe's BILD lesenden Herrschaften, die man anderenorts in Europa antrifft, vermisse ich nicht. Ansonsten nimmt man eben sein Tablet mit.

Auch das mitschwingende wirtschaftliche Argument zählt nicht. In den Touristengebieten an der Algarve sind die Einkommen/Löhne der Leute auch nicht höher. Aber immerhin gehören den Einwohnerfamilien der Azoren ihre Inseln größtenteils noch.

Das Logo ist doch ganz okay. Erinnert mich immer etwas an weiß-blaue Kacheln an den Häusern.


Es gibt eben verschiedene Erwartungshaltungen. Ich finde es ganz okay das die Azoren noch keine perfekte Tourismusmaschinerie haben.
Freundin: "Ja, Rot ist das neue Beige!"

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Re: Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

Beitrag von lava » 18.10.2014, 16:44

Endlich mal einer der mir aus dem Herzen spircht. Danke. Warum lieben wir denn gerade die Azoren so, eben weil es dort noch anders ist als in den üblichen Turistengebieten und gerade weil eben alles nicht so perfekt ist zieht es uns immer wieder dort hin.
Liebe Grüße Lava

Ténéré
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Re: Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

Beitrag von Ténéré » 18.10.2014, 17:26

Die blaue Blume auf dem Logo hat immerhin 9 Blütenblätter, ein Bezug zu den Azoren läßt sich schon erahnen.
Meine Bilder: azo.re

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hjh
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Re: Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

Beitrag von hjh » 19.10.2014, 07:29

Wovon sollen die Azorianer leben?
Die azorianische Industrie, wenn man überhaupt davon sprechen kann, exportiert so gut wie nichts aufs Festland, abgesehen von einigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen und geringen Fischfangprodukten. Ohne die Zuschüsse vom portugiesischen Festland und von der EU wären die Azoren wahrhaft bettelarm.

Wovon also sollen die Azorianer leben? Warum verlassen auch jetzt wieder so viele junge Leute ihre geliebten Inseln? Gewiss nicht aus Fernweh.
Ich wiederhole hier, was ich schon einmal geschrieben: Der Tourismus ist der einzige große Erwerbszweig, mit dem die Azorianer noch Geld verdienen können. Er muss gefördert werden. Im kommenden Jahr steigen die Gelder für die Tourismusförderung um 18 %, insgesamt 22,8 Mio. Euro.
Wir Touristen und Residenten sehen dies nicht gerne. Gewiss geht dadurch etwas Ursprünglichkeit unserer Inseln verloren. Das ist zwar schade, aber nicht zu umgehen. Doch keineswegs werden die Azoren jemals einen größeren Prozentsatz der Übernachtungen der „Touri-Insel“ Madeira erreichen.

Leider ist es so, dass sehr vielen Azorianern, Privatleuten wie Funktionären in der Verwaltung, das touristische Gen fehlt. Privatleute wissen es, von Ausnahmen abgesehen, nicht richtig anzupacken, öffentliche Stellen verpulvern enorm viele Subventionsgelder. Dafür habe ich in diesem Forum immer wieder erschreckende Beispiele genannt. Noch niemals hat eine zuständige Behörde meine Feststellungen dementiert. Vielleicht auch niemals gelesen, gleichwohl ich verschiedene Dienststellen auf dieses Forum hingewiesen habe und obwohl es ja eine OTA, eine Beobachtungsstelle für den Tourismus gibt.

Stellen wir also unseren Eigennutz hintenan: Sehen wir die Tourismusanstrengungen der Azoren mit einem weinenden und einem lachenden Auge: Mit einem weinenden, weil wir uns die Azoren frei von touristischem Trubel wünschen, was sich auch auf lange Zeit nur unwesentlich ändern wird; mit einem lachenden, weil wir den Azorianern die Erwerbsmöglichkeiten im Tourismus schlichtweg gönnen müssen.
hjh

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Re: Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

Beitrag von Matsi » 20.10.2014, 02:16

hjh hat geschrieben:Wovon sollen die Azorianer leben?
...
hjh
Hallo hjh,

Ich springe mal mit Antworten durch Deinen Beitrag. Ich verstehe Deinen Gedankengang (halte ihn aber für zu kurz gegriffen). Die Frage ist, ob die "positiven" Effekte überwiegen.

Vorweg: Ich gehe davon aus, das wir uns einig sind, daß Hotelhochhaussiedlungen à la "Lloret de Mar" sch...e sind.

Möglichkeiten die ich sehe: Eine langsame Erweiterung des "sanften Tourismus" (gern auch etwas höherpreisig und bio für die grünwählenden, mitfühlenden, kulturinteressierten, sich als ökologisch und sozial verstehenden BildungsbürgerInnen aus Deutschland) kann positive Effekte haben. In diesem Bereich bleibt bestimmt ein akzeptabler Teil der Ausgaben der Besucher, auf den Inseln. Auch wenn ich persönlich weniger finanzielle Möglichkeiten habe, und die roten Mammutjacken gräßlich finde.
Aber solch eine Entwicklung muß behutsam vonstatten gehen, auch um Verdrängung weniger betuchter "Ur-"Einwohner und "freundliche" Übernahmen ganzer Ortschaften durch wohlhabende mitteleuropäische Senioren und Vorruheständler zu vermeiden. Caniço de Baixo oder Teile von Lagos sind abschreckende Beispiele für derlei Fehlentwicklungen. (Offtopic: Die von Dir im Forum bemängelte, wenig vorhandene Kommunikation der Residenten auf den Azoren untereinander ist eigentlich ein gutes Zeichen. Das deutet auf eine gewisse Integrationsbereitschaft hin. Anderswo hocken die Zugezogenen aufeinander, sprechen nach Jahren immer noch kaum portugiesisch und lästern über die unfähigen und unpünktlichen Tugas ab.)
Für einen "nachhaltigen" (Modewort, ich weiß) Tourismus braucht es m.E. aber keine riesig teuren Kampagnen, "internationale Hotelketten" oder Deals mit Touristikkonzernen. Auch Easy oder Ryan sind da eher hinderlich.
Ja, mir sind auf den Azoren auch viele Leute begegnet, die Hoffnung in einen stärkeren Tourismus setzen. Die ebenfalls sich über die Billigflieger freuen (für die eigenen Festlandbesuche) - allerdings, da sie noch glauben, daß die Preisschilder aus der Werbung echt sind.

Nehmen wir denn den organisierten Tourismus wie ihn viele Deutsche mögen. Abgeholt am Flughafen, Vollpension und wieder zurückgefahren zum Airport. Wenn Du Dich mit Einwohnern z.B. von Madeira oder Porto Santo unterhältst, wirst Du etliches über enttäuschte Erwartungen hören. Aus den Resorts bleibt kaum etwas bei der lokalen Wirtschaft hängen. Frag jemand in den kleinen Strandkneipen oder Geschäften, was die Inselbesucher aus dem freudig erhofften Pestanaresort zum Umsatz beigetragen haben. Laute Enttäuschung.
Die deutsche Version der "Le monde diplomatique" hatte im Juli 2012 eine schöne Ausgabe mit Schwerpunkt "Tourismus". Online noch einsehbar. Unter anderem mit einem interessanten Artikel dazu was mit den Einnahmen von Pauschalreisen bei den großen Touristikunternehmen passiert. http://www.monde-diplomatique.de/pm/201 ... 052.idx,16

Nehmen wir den Easyjetset. Ne, das lass ich lieber. Ich sage nur Praia da Rocha.

Richtig ist Deine Feststellung, daß die Azoren ohne die Zuschüsse vom Festland und der EU bettelarm wären. Aber Deine Schlufolgerung kann ich nicht teilen. Ich behaupte mal, das in der heutigen Zeit sich eine solche Inselregion wie die Azoren im europäischen Wirtschaftsraum niemals selber tragen wird. Der Anspruch ist auch unrealistisch. Das ist wie mit dem Glauben an Vollbeschäftigung. Den Fortschrittsbegriff, der sich hinter Deiner Argumentation verbirgt, halte ich für überholt.

Next: Merkwürdige Fehlplanungen, Umgehungsstraßen die (außer dem Bürgermeister) keiner braucht, gepflasterte Fußgängerwege ins Nirgendwo usw. sind keine speziellen Azorenphänomene. Das hat man auf dem Festland auch. Solange keiner einen Großflughafen, Luftschiffwerften, eine U-Bahn unter der Stadtbibliothek, eine Magnetbahn oder eine Elbphilharmonie bauen will sollten wir uns freuen, daß für unsere EU-Gelder die Hortensiensträucher an den Landstraßen auf den Azoren gut gepflegt werden.

Zitat: "...mit einem lachenden, weil wir den Azorianern die Erwerbsmöglichkeiten im Tourismus schlichtweg gönnen müssen...."
Inwieweit die mögliche Zunahme der Anzahl der hochbezahlten Zimmermädchen und Küchenhilfen, Deiner Meinung nach die Azorer mehr am gesellschaftlichen Reichtum Europas partizipieren läßt, sei mal dahingestellt. Langfristige Perspektive buchstabiere ich anders.

Richtig ist, die Einwohner der Azoren müssen vorsichtig abwägen, wieweit und wie sie die Inseln für zunehmenden Tourismus "öffnen". Dafür haben sie genug Beispiele in Portugal und anderswo, um Fehlentwicklungen und Gefahren zu vermeiden. Und positive Ansätze zu übernehmen ohne den Charme der Inseln kurzfristigen Profitinteressen Weniger zu opfern.
Ja, ich bin eigennützig.
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Re: Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

Beitrag von hjh » 20.10.2014, 16:17

Hallo Matsi,
über intelligente und interessante Beiträge freue ich mich immer. Natürlich auch dann, wenn sie nicht in allen Punkten der eigenen Ansicht entsprechen.

Zu Deiner Stellungnahme:
Zum Glück kenne ich auch wirklich niemanden, der sich auf den Azoren einen Massentourismus wünscht, wie wir ihn für eine bestimmte Klientel in manchen Mittelmeerdestinationen kennen. Ich hoffe auch zuversichtlich, dass für die Azorenverantwortlichen ein sanfter Tourismus für eine gediegene, nicht unbedingt wohlhabende Bevölkerungsgruppe das unabänderliche Ziel bleibt. (Die Familie unseres Sohnes, er ein Frühaussteiger aus einem stressigen Beruf, betreibt das übrigens erfolgreich auf der Insel Faial und stützt sich dabei fast ausschließlich auf seine Faialenser.)

Gott sei Dank gibt es nirgendwo auf den Azoren Siedlungen für ausländische Residenten, auch nicht in bescheidenem Rahmen. Deren Häuser, und die meisten sind ja in deutscher Hand, verteilen sich kunterbunt in den Siedlungen der Azorianer. Allerdings zeigen sie fast immer den richtigen Sinn für eine insbesondere landschaftlich schöne Lage, verbunden mit einem gepflegten Haus und Grundstück, was keineswegs immer eine Frage des Geldes ist. Fast alle Residenten, die ich kenne, haben ein freundschaftliches, gutes Verhältnis zu ihren einheimischen Nachbarn. Allerdings gibt es leider etliche, die auch nach vielen Azorenjahren nur rudimentär die portugiesische Sprache beherrschen. Ist dies nun Nachlässigkeit, Unvermögen oder Desinteresse? Auf jeden Fall ist es schade.

Nicht zustimmen kann ich Dir darin, dass man leider in der Kontaktarmut mancher meist älterer Residenten eine Integrationsbereitschaft sieht. Man genügt sich selbst in einem Eremitendasein mit seinem Partner.

Was die Billigflieger angeht: Um die eigene Sata zu stützen, hatte man eine Liberalisierung bisher vermieden, doch nun dem Druck des azorianischen Fremdenverkehrsgewerbes nachgegeben. Aber auch nur zögerlich für São Miguel und Terceira. Andere Inseln, wie etwa Faial, die auch vom Festland aus angeflogen werden können, bleiben außen vor. Man schätzt, dass durch die Flüge der Low Cost Airlines der Azorentourismus um 10 % steigen könnte. Und das halte ich für vertretbar.

Danke für den Tipp für den Artikel über die „gute TUI“ in „Le Monde diplomatique.“ Als langjähriger Tourguide für Touristengruppen weiß ich, wie wenig oft vor Ort von den Geldern hängen bleibt. Glücklicherweise aber scheinen mir die Azoren immer noch ein Reiseziel mit einem sehr hohen Anteil an Individualreisenden zu sein. Aber auch der Gruppentourismus schafft Arbeitsplätze.

Was mich aber immer wieder schmerzt, und ich habe es in diesem Forum oft zum Ausdruck gebracht, ist die Leichtfertigkeit, mit der die Azorenverantwortlichen manchmal „unsere“ EU-Gelder verpulvern. Du hast solche vorhandenen unnützen Projekte auch genannt, liebe® Matsi.
Was mich aber auch in diesem Zusammenhang sehr stört: Die azorianischen Medien hängen sehr am finanziellen Gängelband der Regierung. Kritische Stimmen werden allenfalls in einigen wenig gelesenen Blogs laut. In den Medien ist man lammfromm. Man druckt mangels eigener finanzieller Kapazitäten nur die offiziellen Presseberichte ab, hinterfragt sie nicht und verzichtet auf eine kritische Berichterstattung. Kritik zu einzelnen Projekten wird in der Bevölkerung kaum laut.

Und, Matsi, Deinem letzten Absatz oben kann ich vollauf zustimmen. Auch einer so definierten Eigennützigkeit.
hjh

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Re: Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

Beitrag von klee » 20.10.2014, 18:12

Hallo zusammen,

ich bin hin- und hergerissen. Einerseits bin ich auch froh, dass die Inseln so sind, wie sie sind. Andererseits habe ich mir neulich auf Graciosa auch gewünscht, dass man die vielen alten Wege (unter Anderem) als Wanderwege nutzbar macht und vielleicht auch einen Küstenwanderweg einmal rund um die Insel anlegt. Nirgends sonst habe ich so stark den Bevölkerungsschwund an allen Ecken gesehen, wie auf Graciosa. Andererseits, solange man nur mit 2x Umsteigen von Deutschland (Europa) nach Graciosa kommt, wird das kaum jemand auf sich nehmen, obwohl der letzte Flug rüber nach Graciosa eigentlich nur ein Hüpfer ist. Sämtliche Reiseanbieter schlagen Interessenten max. 3 Tage auf der Insel vor, wobei ich gerade wieder eindrücklich gemerkt habe, dass man dort sehr viel unternehmen kann und ich auch beim 4. Besuch noch viel Neues entdeckt habe. Wenn man dann auch noch alles in Ruhe angehen will und nicht nur alles in Eile abklappern, dann kann man dort gut einen 2 bis 3-wöchigen Urlaub verbringen.

Aber dort wurde mir auch bestätigt, was ich hier schon einmal geäußert habe. Die Einheimischen verstehen unter Tourismus die zwei Monate im Jahr, in denen die Emigranten aus Amerika ihre Verwandtschaft besuchen. Die lassen vermutlich deutlich mehr Geld da als ein Europäer im normalen Urlaub und verlangen dabei keine neuen Wanderwege. Sie haben aktuell übrigens auch einige Wege von Vegetation befreit, aber das ist ja in nullkommanix wieder zugewuchert.
In Deutschland haben die alljährlichen Wettbewerbe für schönere Dörfer in den vergangenen Jahrzehnten erstaunlich Positives bewirkt. Auf den Azoren gibt es nichts dergleichen. Die Häuser haben kaum Blumenschmuck, der Hausanstrich lässt oft zu wünschen übrig. Öffentliche Anlagen sind oft langweilig, lieblos. Allerdings werden die „weißen Dörfer“ allmählich farbiger.
Auf Terceira habe ich ein Plakat gesehen, das war sowas wie ein "Unser Dorf soll schöner werden"-Wettbewerb. Weiß den Wortlaut nicht mehr. Ob da jemand mitgemacht hat, weiß ich nicht. Kein Blumenschmuck, das verstehe ich: Warum auch, es gibt überall Blumen auf den Inseln, wieso auch noch an den Häusern? Der Wind würde sie sowieso ständig zerfetzen (außer im Sommer). Und weiße Dörfer findet man auf Griechenland-Postkarten doch ganz toll, warum nicht auf den Azoren? Wenn man manche Miradouros oder Zonas merenda so sieht, kann man wirklich nicht sagen, dass die lieblos wären. Da stecken sie unheimlich viel Geld und Energie rein und sie sind meist wunderschön!

Auf Graciosa habe ich aber auch ein paar Zwischentöne herausgehört, so nach dem Motto: "Wenn Du ein Amt hast und nicht so spurst, wie manche wollen, hast Du schnell eine Kugel im Kopf." Das klingt nicht so, also würde man da freiwillig anpacken und irgendwas umkrempeln wollen. Es gibt ein paar einflussreiche Leute, die das Sagen haben, und denen ist der Tourismus offensichtlich ziemlich egal. Das trifft vermutlich nur auf die kleinen Inseln so zu.

Auf Flores gibt es noch sehr positiv zu vermerken, dass dort eine Woche lang ein "International Canyoning Meeting" stattgefunden hat. Organisiert von ein paar Leuten, die Canyoning anbieten und die sagenhaften Möglichkeiten, die Flores für diesen Sport bietet, möglichst weltweit bekannter zu machen. Es waren jedenfalls viele Gruppen auf der Insel unterwegs und überall hat man Leute an Seilen Wasserfälle herunterklettern sehen. Das Ganze fand Ende September/Anfang Oktober bei grandiosem Wetter statt, also zu einer Zeit, in der viele Anbieter schon im "Wintermodus" sind. Leider!

Also das mal meine unsortierten Gedanken und kürzlich gesammelten Erfahrungen.
Elke
Meine Reiseberichte:
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Re: Gedanken zur Tourismus-Werbung und -Infrastruktur

Beitrag von hjh » 28.02.2015, 13:47

Auf der Tourismusmesse in Lissabon stellte Vitor Fraga, azorianischer Regierungssekretär für den Tourismus, das neue Azorensymbol vor, das im Laufe dieses Jahres sukzessiv das in die Jahre gekommene alte Emblem ersetzen soll. "Zertifiziert durch die Natur" seien die Azoren, so lässt es uns wissen. Mir persönlich erscheint das Zeichen etwas zu filigran.
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