"Wie ist das denn so, auf den Azoren?"

Für alle die mit dem Gedanken spielen auf die Azoren auszuwandern. Sie suchen Kontakte zu deutschpsrachigen Residenten? Sie benötigen Hilfe mit Ämtern und Behörden? Wo bekommt man welche Produkte? Was ist auf den Azoren zu beachten?
Franz Mersdonk
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"Wie ist das denn so, auf den Azoren?"

Beitrag von Franz Mersdonk » 02.04.2009, 10:04

hallo!



hier ist ein weiterer, der sich mit dem gedanken beschäftigt, über kurz oder lang auszuwandern, und sich für die azoren interessiert.
dreissig jahre alt, aus deutschland. ich male, photographiere, mache webseiten und ähnliche graphische dienstleistungen, meist digital.
ich war noch nie auf den azoren (allerdings mehrmals in portugal); alle infos, die ich bis jetzt habe, stammen aus dem netz, und von einer freundin, die im rahmen ihres studiums dort war.
habe mich in den letzten tagen kreuz und quer durch dieses forum gelesen, und schon einige interessante informationen gesammelt.
vielen dank schon mal dafür!

ich stelle hier noch ein paar fragen in den raum, und würde mich sehr freuen, wenn ihr mir da ein paar aspekte erhellen könntet.
wenn ihr antwortet, bitte stellt euch doch kurz vor - wie alt ihr etwa seid und auf welcher insel ihr lebt, und grob gesagt, ob ihr noch aktiv am arbeiten (geld verdienen) seid, oder eher schon gemütlich euren lebensabend auf dem archipel verbringt.
danke im vorraus!


"wie ist das denn da so, auf den azoren" ?

hier wurde ja schon oft erwähnt, dass jede insel sehr unterschiedlich ist.
kann man trotzdem gemeinsamkeiten feststellen, was die mentalität angeht, was die 'generelle stimmung' dort angeht?
vielleicht im vergleich mit anderen inseln?
im vergleich mit dem portugiesischen festland?

wie ist das mit der sprache?
bei wikipedia steht, selbst leute vom portugiesischen festland verstehen die azorianer (?) nicht, oder nur schwer.
ich nehme stark an, dass das portugiesisch dennoch eher ein portugiesisches, als ein brasilianisches ist.
kann jemand etwas zur stimmung / dem charakter der sprache dort sagen?
würde es sinn machen, auf dem festland portugiesisch zu lernen, oder wäre es viel besser, gleich auf den azoren einen sprachkurs zu machen, um anschliessend mit den leuten dort besser kommunizieren zu können?


ist ein auto zwingend notwendig?
ich nehme an, dass es kaum öffentliche verkehrsmittel dort gibt.


wie gemischt ist eigentlich die bevölkerung auf den azoren? (ausländeranteil?)


gibt es jemanden unter euch, der 'von der kunst' lebt dort?
ich kann es mir nicht vorstellen, aber kann man dort malerei / photographie an den mann bringen?
(hat da überhaupt jemand geld für? gibt es überhaupt gallerien?)


wieviel spürt man eigentlich (noch) von der präsenz der amerikanischen armee auf terceira?



ich hatte noch weitere fragen im kopf, sind mir gerade nicht präsent,
aber das ist ja ohnehin schon ein recht umfangreicher 'fragenkatalog' für den ersten beitrag in diesem forum.



ich danke euch nochmal im vorraus und wünsche einen schönen tag!

grüsse aus berlin!


franz

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antonsd
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Beitrag von antonsd » 03.04.2009, 10:35

Hallo Franz,

die meisten die Fragen werde beantwortet wenn du selber herkommst und dir ein Bild machst. :roll:
Da kann man viel erzählen, jeder empfindet vieles anders.

Komm her, sieh es dir an und hör es die an! :shock:

infos über mich/ uns schau auf die Webseite!

Grüße Anton
Meine Homepage mit WebCam von Piedade/Pico.
http://www.holiday-on-pico.com
----- > Ich vermiete auch Ferienunterkünfte < -----

Chris
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Beitrag von Chris » 03.04.2009, 12:02

Bom dia Franz,

ich finde das Thema Auswandern immer wieder sehr spannend und verfolge mit Eifer und Begeisterung jeden Kommentar dazu hier im Forum. Bei mir war es eher ungekehrt, ich bin einfach für einen Urlaub auf Pico gewesen und komme seit dem von dem Gedanken nicht los, dort mal zu leben. Ich versuche so oft wie möglich da zu sein und habe nun auch schon ein Haus dort gekauft.

Der Grund warum ich nicht schon ausgewandert bin, ist die Frage, wovon "Frau" dort leben kann. Jobs auf dem Bau sind nicht so meine Stärke und es würde - auf Pico - auch komisch ankommen, glaube ich, wenn ich dort anfragen würde. Dort ist halt alles sehr traditionell und die Leute sind recht einfach. Ich sehe das als Vorteil, weil sie eben jeden Menschen so akzeptieren, wie er ist.

Auf jeden Fall sollte man die Sprache können, wenn man dort leben will. ich finde, dass gehört sich so, wenn man irgendwo lebt. Außerdem ist es einfacher einen Job zu finden.

Die Menschen auf Pico - und damit meine ich jetzt die Einheimischen, sind sehr nett und offen zu mir. Und wenn sie merken, dass ich mich mit meinen paar Brocken Portugiesisch bemühe, dann helfen sie einem und irgendwie kommt dann tatsächlich ein kleiner Plausch bei raus.

Beim Wandern bin ich schon öfters von fremden Einheimischen zu einem Getränk eingeladen worden (meistens Wein).

Wenn man Natur, Ruhe und das einfache Leben mag und sucht, dann ist man auf Pico gut aufgehoben, aber wenn man aus Deutschland flüchtet, weil man dort keinen Job hat oder einem alles zu teuer vorkommt, dann sollte man das Auswandern lassen. Denn geschenkt wird einem nirgends etwas und die Menschen auf Pico arbeiten sehr hart für wenig Geld.

Natürlich ist es etwas anderes, wenn ich Geld (Rente) aus Deutschland beziehe und auf Pico lebe. Dann geht es einem gut, weil man Pico-Preise mit deutschem Geld bezahlt. Aber die Einheimischen, die ihr Geld auf der Insel verdienen müssen, müssen hart für wenig arbeiten. Dafür haben sie aber super Wetter, eine Traumlandschaft und das Meer vor der Nase. Deshalb sind sie - trotz der geringen Bezahlung - zufrieden und glücklich. Auf jeden Fall die, mit denen ich mich "unterhalten" habe.

Ich konnte dir jetzt nicht viele Antworten geben, aber vielleicht ein paar Gedanken für deine Planung. Mit 30 musst du ja noch eine ganze Zeit arbeiten und das kannst du auf Pico fast nur mit guten Portugiesich-Kenntnissen.

Bin gespannt, was aus deinen Plänen wird. Vergiss nicht, weiter zu berichten!

Cumprimentos, Chris
Ein neues Leben kann man nicht beginnen.
Aber jeden Morgen einen neuen Tag!

Franz Mersdonk
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Beitrag von Franz Mersdonk » 16.04.2009, 09:49

hallo,


erstmal vielen dank euch beiden für eure antworten!


anton - klar muss ich hinkommen, bevor ich auswandere.
trotzdem dachte ich, dass man auch auf diese wege ein bischen infos oder eindrücke austauschen kann, ist ja schliesslich der sinn eines forums :roll:


chris - danke für deine eindrücke!

ich berichte weiter, wenn es was zu berichten gibt!


danke nochmal, und grüsse aus mallorca!

franz

Inselindianer
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Azoren und Leute...

Beitrag von Inselindianer » 26.01.2010, 11:43

Hallo,

ich bin zwar neu hier im Forum, wohne aber schon seit mehr als 5 Jahren auf Pico. Meine Frau und ich haben hier ein Lavahaus restauriert, eine Ferienwohnung angebaut und zwei Kinder bekommen.

Für alle, die mit dem Gedanken spielen, hierher auszuwandern, kann ich aus meiner Sichtweise folgende Tips und Warnungen geben:

1. Wetter:
Ein großer Vorteil gegenüber Deutschland sind natürlich die milden Tempertaturen. Aber die Kehrseite sind Wind und Regen in einem Maße, wie es eigentlich für Kontinentaleuropäer kaum vorstellbar ist. Hier kann es mit kurzen Unterbrechungen 4 Wochen lang regnen und stürmen. Die Folgen sind extrem zerstörerisch für Pflanzen (Bäume werden entwurzelt, Gemüse bekommt Wurzelfäule und wird sprichwörtlich "in der Luft zerissen", Tiere (Kokzidiose besonders bei Geflügel, Stress für Kühe, Ziegen und sonstiges Kleinvieh), und die menschliche Psyche (ständige Windgeräusche im Dach, Regeneinbruch ins Haus selbst bei betonierten Dächern). Im Grunde kann man sich bei diesen Witterungslagen kaum draußen aufhalten und alle Arbeit muss ruhen. Diese "Zwangspausen" betreffen sowohl den Selbstversorger, als auch die gesamte Inselökonomie (Baugewerbe, Tourismus, maritimer Transport, etc.)

2. Soziale/gesellschaftliche Struktur:
Die Leute auf den Azoren sind auf den ersten Blick liebenswert, doch nur wenige bleiben es auch im Verlauf der Jahre. Durch die Isoliertheit der Inseln ist für sie alles Neue zuerst einmal interessant, doch ihr Interesse schwindet schnell. Portugal ist katholisch und konservativ, und die Azoren sind leider eine Steigerungsform davon. Das Denken verläuft in starren Bahnen, sehr traditionell, und wird inhaltlich nicht hinterfragt. Selbstreflektion ist ein Fremdwort und Kritik wird nicht ertragen, selbst von Seiten der Lokalpolitiker oder EU-Abgeordneten nicht. Hierbei geht es weniger darum, die deutsche Mentalität hier einführen zu wollen, als um eine existierende gesellschaftspolitische Misere: Portugal und im Speziellen die Azoren sind laufend von Subventionen abhängig, da sich die Wirtschaft nicht selbst trägt. Es werden auch keine Anstrengungen unternommen, dies zu ändern. Man lehnt sich bequem zurück, betreibt Misswirtschaft, tätigt Fehlinvestitionen und hofft auf mehr Geld von Europa.
Zwei Beispiele:
Pico hat bis heute kein ernstzunehmendes Krankenhaus und viele Herzpatienten sterben bei der Prozedur einer Fährüberfahrt ins Hospital von Faial. Entbinden können Frauen hier auch nicht, sondern müssen dafür nach Horta (Frühgeburten sind also katastrophal). Einen Rettungshubschauber gibt es auch nicht. Stattdessen hat man zig Gebäude für traditionelle Blaskapellen :shock: gebaut, deren Investitionsvolumen von vielen Mio. Euro bereits ein modernes Krankenhaus hätte tragen können. Folge: Notfälle enden oft tödlich, aber bei der Beerdigung gibt es tolle Blasmusik! Kritik hierzu ist unerwünscht.
In Pico gibt es 6 Windräder, die bis zu 85% des Inselstroms erzeugen könnten. Dazu braucht es natürlich geschultes Personal in der Reglerzentrale des Stromwerks. Da jedoch alle Jobs dort unter Amigos und Verwandschaft vergeben wurden, weiß niemand so recht, wie man den Energie-Output der Enercon-Windräder steuert und ins Stromnetz einspeist. Folge: Man betreibt lieber die Dieselturbinen, denn die braucht man nicht über Software zu steuern. Diesel (Nafta) wird von der EU bezahlt und vom Kontinent 1700 km bis hierher geschifft. Warum selbst etwas ändern, wenn doch die reichen Länder die Zeche zahlen?

3. Umweltbewusstsein und Tierhaltung:
Für den Deutschen des 21. Jahrhunderts ein absolutes Grauen: Firmen wie Monsanto und Bayer erzielen auf den Azoren mit Genmais, Dünger, Herbiziden und Pestiziden Höchstgewinne. Was dem Azoreaner nicht gefällt, das vergiftet er. Durch das feuchte Klima ist der Schädlingsbefall besonders hoch, Fungus vermehrt sich schnell und ein Wechsel von Sprühregen und Sonne verbrennt im Frühjahr die Blätter. Auf jedes dieser Probleme gibt es hier nur eine Antwort: Gift. Diese Substanzen sind im Boden und im Trinkwasser nachweisbar (besonders Atrasin). Ich rate daher vom Konsum des Leitungswassers stark ab, sondern bevorzuge Regenwasser aus der Zisterne, obwohl dieses fast destilliert und deswegen mineralstoffarm ist.
Die Tierhaltung ist, wie in Spanien und Festland-Portugal auch, nicht mit mitteleuropäischen Ideologien zu vergleichen. Kuhzucht ist zwar ein Erwerbszweig, der von der EU subventioniert wird, passt aber auf die Azoren wie der Mangoanbau nach Schweden. Die Tiere leiden besonders in den Höhenlagen unter tagelangen Regenfällen, an denen jedes Jahr ein gewisser Prozentsatz eingeht. Die Tiere werden deshalb ständig mit Antibiotika (rezeptfrei) vollgepumpt, rauf und runter gefahren (nicht getrieben!) und den Treibstoff dafür bezahlt natürlich: die EU! (Trotz der Subventionen, die hier seit Mitte der Achtziger für Kühe fließen, gibt es keine Infrastuktur für den lokalen Vertrieb von Milchprodukten, sodass man leichter an Tüten H-Milch vom Kontinent kommt, als an einheimische Milch)

Wer Katzen hält, dem sei gesagt: sie werden selten sehr alt. Entweder sie sterben an Rattengift, oder am Hochleistungsgift "Lanate", das die Bauern in Wasserschalen träufeln, um die Schwarzdrosseln zu töten, die ihnen an das Gemüse gehen.

Und dann noch ein sehr übler Punkt zur Hundehaltung: viele Hunde verbringen hier ein Leben lang an der Kette als kläffende Alarmanlage und Ärgernis der Nachbarschaft. Wenn sie Glück haben, gibt es eine aufgeschnittene Tonne oder einen ausrangierten Kühlschrank, in den sie sich bei schlechten Witterungsverhältnissen flüchten können. Das Bewusstsein hierzu ist erbärmlich. Bei neurotischem Dauergebelle des Nachbarhundes kann man nichts machen, solange es nicht nachts stattfindet. Wenn ein Tier von 7 Uhr morgens bis 23 Uhr abends ununterbrochen bellt, dann ist das völlig o.k. und im Einklang mit geltendem portugiesischem Recht.


Natürlich kann man nicht erwarten, dass die Leute hier genauso sind, wie in Mitteleuropa. Ich will nicht belehrend oder abwertend wirken, doch die azoreanische Gesellschaft ist defacto disfunktional in vielen Bereichen. Diese Disfunktionalität muss die EU finanziell ausgleichen. Ich bin der Meinung, dass man sich nicht ständig von Ländern aushalten lassen kann, deren Werte man jedoch für sich nicht annehmen will.

Und: Selbst die nostalgische Schweineschlachtung (Matanca do Porco) leistet keinen substanziellen Beitrag zur Verbesserung der Situation im Hinblick auf die Probleme der kommenden Jahre.

Ze
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Beitrag von Ze » 26.01.2010, 23:09

Hallo Inselindianer,
Deine vier Postings sagen es recht deutlich: Du hast die Nase voll!
Ich könnte mir vorstellen, dass Du das alles vor 5 Jahren noch ganz anders gesehen hast.
Wie heißt es so schön: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche!“

Deine Kritikpunkte sind (soweit ich sie für gerechtfertigt halte), nichts was man nicht von vorne herein wissen könnte. Wen man denn wollte.
Die Idee vom gelobten Land lässt aber so manchen die Augen vorher ganz fest zupetzen. Nur ist dann das Erwachen eben sehr schmerzhaft.
Und dann ist auch die Kritik genauso überschwänglich, wie vorher die Begeisterung.

Es gibt so viel Kontinentwein auf den Azoren, das niemand gezwungen ist den dortigen Wein zu trinken. Teobar im Garrafao ist garantiert EU-Normgerecht.
Auf jeder Insel gibt es einen (bzw. mehrere) Hubschrauberlandeplätze für den Krankentransport. Der Hubschrauber dazu kommt allerdings nicht vom ADAC sondern vom Militär. Ich kenne genug Leute die schon in den „Genuss“ dieses Transportes kamen.
Dass die Frauen von Pico nach Horta zum Entbinden müssen ist auch ein tolles Gerücht. Vielleicht macht man das bei erwarteten schweren Komplikationen.
Auf Pico kenne ich nur das Hospital von Madalena, es machte auf mich (incl. Personal) einen guten Eindruck (besser als so manches in Deutschland).
Das Umweltbewusstsein hat sich in den letzten zwanzig Jahren auf den Azoren mit mehrfacher Geschwindigkeit entwickelt wie in vielen anderen Regionen Europas. In meiner Heimatstadt in Deutschland muss man z.B. seine hoch umweltgiftigen „öko“-„spar“-Lampen mit den Auto! (weil anders kaum zu erreichen) zur städtischen Sammelstelle bringen (was natürlich kaum jemand macht). Auf Faial wurde mit der neuen gesetzlichen Regelung zumindest ein spezieller Sammelcontainer aufgestellt. Generell frage ich mich ohnehin, woher wir Deutschen irgendeine Ãœberheblichkeit in Sachen Umweltschutz nehmen.
Die Einstellung der Azorianer zu Tieren ist nicht immer schön (wenn auch viel besser als früher). Man sollte hierbei allerdings nicht die Einstellung einer (x-beliebigen europäischen) Landbevölkerung mit der Einstellung eines Großstadtbewohners vergleichen.

Wo Du die besondere Disfunktionalität der azorianischen Gesellschaft siehst, weiß ich dann überhaupt nicht mehr. Um die zu erkennen, darf man wohl schon länger nicht mehr so genau in Deutschland hingeschaut haben. Die Subsidios von der EU sehe ich zu einem guten Teil als Ausgleich für die zerstörerischen EU-Gesetze.

Aber wie gesagt: wenn man die Nase voll hat, dann hat man sie eben voll. Und einen Vorteil haben wir Ausländer auf den Azoren ja; Wir können ja zurück in die besseren Verhältnisse.

Kopf hoch
und freundliche Grüße
Ze

Inselindianer
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Beitrag von Inselindianer » 27.01.2010, 11:18

Hallo Ze,

nur kurz kommentiert:

"Dass die Frauen von Pico nach Horta zum Entbinden müssen ist auch ein tolles Gerücht. Vielleicht macht man das bei erwarteten schweren Komplikationen."

Da irrst Du Dich! Wir haben in den letzten 3 Jahren zwei Kinder hier bekommen und mussten IMMER nach Faial. 10 Tage vorher und auf Anweisung des Arztes, mit der Androhung, dass die Krankenversicherung sonst einen Grund zu Leistungsverweigerung hätte. Keine Anzeichen oder Verdacht auf Komplikationen vorhanden.
Auf Pico kommen schon seit vielen Jahren keine Kinder mehr zu Welt. Das solltest Du aber eigentlich als Ansässiger wissen. Wenn Du jemanden kennst, der in Pico entbunden hat, dann würde ich das gerne wissen.

"Auf jeder Insel gibt es einen (bzw. mehrere) Hubschrauberlandeplätze für den Krankentransport."

Wo denn? Auf Pico gibts keinen. Der Hubschrauber ist übrigens in Terceira stationiert. Sehr sinnvoll!

"Ich kenne genug Leute die schon in den „Genuss“ dieses Transportes kamen."

Ich kenne genug Hinterbliebene, deren Angehörige auf dem Weg zu Wasser und zu Land verstorben sind.
Wenn ein Tourist auf dem Pico in Not gerät, dann laufen 4 Feuerwehrleute zu Fuß mit einer Trage den Berg hoch und mit dem Patienten wieder runter. (Ohne dass es Wind gab, der den Hubschrauber gefährdet hätte) Wo sind wir denn hier?

"Auf Pico kenne ich nur das Hospital von Madalena, es machte auf mich (incl. Personal) einen guten Eindruck (besser als so manches in Deutschland)."

Das ist dann wohl eine Fehleinschätzung Deinerseits. Nur zwei Geschichten:
Meine Tochter hatte mal eine ausgerenkte Hand, die man ihr hier auf Pico in keinem Hospital wieder einrenken konnte. 2 Ärzte haben an der 2jährigen ewig rumgemacht und keiner hatte auch nur einen blassen Schimmer von Osteopathie bzw. menschlicher Anatomie. Schlussendlich waren wir dann bei einem alten Heiler in Santo Amaro: der hat es in 1 Minute geschafft! Leider ist das illegal und der liebenswürdige Mann hat schon viele Klagen der hiesigen Ärzteschaft über sich ergehen lassen müssen. Klar, weil er es eben wirklich kann und sowas wird als Bedrohung angesehen!
Dann eine kleine Fischgräte im Hals: Sofortige Ãœberweisung ins Hospital von Faial! In der Notaufnahme von S. Roque konnte keiner helfen :shock:

(Ich lasse absichtlich Geschichten aus, die uns davon berichten, wie man im Hospital von Faial Gehirntumore mit Schmerztabletten behandelt...)

"Generell frage ich mich ohnehin, woher wir Deutschen irgendeine Ãœberheblichkeit in Sachen Umweltschutz nehmen."

Das kann ich Dir sagen: Lass doch mal 82 Milionen Azoreaner in Deutschland wohnen. Dann wirst Du den Unterschied sehen. Jedenfalls haben wir keine Pestizidrückstände im Trinkwasser und keine verrosteten Autowracks in der Landschaft rumzustehen. Marienkäfer haben wir auch noch nicht vollständig vergiftet und unsere Bussarde sterben nur selten an vergifteten Ratten.

"Man sollte hierbei allerdings nicht die Einstellung einer (x-beliebigen europäischen) Landbevölkerung mit der Einstellung eines Großstadtbewohners vergleichen."

Mein Großvater und Onkel kommen auch vom Land, waren Schäfer und Hundezüchter. Aber solche Schweinereien gegenüber den Tieren, wie sie hier sichtbar sind, kenne ich von da nicht.

"Wo Du die besondere Disfunktionalität der azorianischen Gesellschaft siehst, weiß ich dann überhaupt nicht mehr."

Es geht um den Wahn, alles haben zu wollen (große Häuser, protzige Jeeps), die man nicht zahlen kann. Die Verschuldung ist hoch und dabei geht es nicht um wirtschaftlich begündete Firmeninsolvenzen, sondern um Privatinsolvenzen von Leuten, die sich ihr Selbstbewusstsein über den Hubraum holen. Die Scheidungsrate ist exorbitant. Kaum eine Ehe von jungen Menschen hält länger als 5 Jahre. Das sind ganz böse Voraussetzungen für eine funktionale Gesellschaft, denn die Leute bekommen hier niemals so richtig den Kopf gewaschen. Im Fernsehen ist immer alles ganz toll und die Azoren sind der Mittelpunkt der Welt, denn hier gibts Wale, Delphine, Blasmusik und Hekeldeckchen nebst so tollen Artesanato-Sachen wie häßlichen Püppchen aus Maisblättern. Hallo??? Aufwachen! Die Azoren sind auf dem besten Weg, wieder ein ganz armes Loch zu werden und keiner will es hören. Und dann immer dieses Traditions-Gelabere! Was war denn die prägende Tradition auf den Azoren? Zunächstmal die Armut, bis die EU hier investiert hat.

Mein Kritikpunkt ist, dass neben allen Lobpreisungen für Natur, Landschaft u.s.w. immer die realen Dinge weggeblendet werden. Das ist wie bei Kindern, die sich die Finger in die Ohren stecken und lalala singen, weil sie die Wahrheit nicht hören wollen. Hier geht es nicht um Deutsch gegen Portugiesisch oder Azoreanisch! Ich verstehe mich als Weltenbürger, habe schon in vielen Ländern Europas, in Indien und den Azoren gelebt. Ich fühle mich weder Deutsch noch sonstwas. Ich bin einfach logisch und zukunftsgestaltend veranlagt. Und wenn irgendetwas schwachsinnig ist, dann nehme ich mir das Recht, dies auch im Sinne einer konstruktiven Kritik zum Ausdruck zu bringen. Auch wir haben hier investiert, unsere Kinder gehen hier in den Kindergarten und wir sind Teil der Gesellschaft. Es ist daher meine Pflicht, an deren positiver Weiterentwicklung mitzuwirken. Wenn ich erstmal alles schlechtmache, dann erscheint das nur so extrem, weil ja sonst niemand den Mund aufmacht.

Viele Grüße,
Inselindianer

Ze
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Beitrag von Ze » 27.01.2010, 16:37

Hallo Inselindianer,

ich behaupte nicht wirklich, dass die Azoren ein Paradies auf Erden sind. Im Gegenteil bemühe ich mich stets (wie man auch hier in meinen Einträgen lesen kann), allzu blauäugige Betrachtungsweisen zu korrigieren.
Deine Rundumschläge kann ich allerdings auch nicht so stehen lassen.
Wenn Du zum Beispiel schreibst, dass Du H-Milch vom Kontinent kaufen musst. Es gibt 3 Sorten H-Milch, die sind alle azorianischen Ursprungs und eigentlich überall zu bekommen.

Oder Deine Behauptungen über die prinzipielle Dummheit und Unfähigkeit der Azorianer.
Am Beispiel Windräder auf Pico: Die Dieselgeneratoren laufen auch deshalb, weil die Windräder eben doch nicht ausreichen. Warum, zum Beispiel, braucht man unbedingt einen Wäschetrockner? Ich habe einen überdachten Trockenplatz, der funktioniert das ganze Jahr über. Im Winter dauert es zwar etwas länger bis die Wäsche trocken ist, in der Zwischenzeit ziehe ich halt etwas anderes an. Auch so etwas ist Umweltbewusstsein.

Du kannst auch sicher sein, die 85 Mio. Azorianer hast Du auch in Deutschland. Der einzige Grund warum dort keine Autowracks rumstehen, sind die hohen Strafen und nicht das Umweltbewusstsein. Dort muss ein Politiker nur was von notwendigen Arbeitsplätzen erzählen und schon ist die Fabrik im Naturschutzgebiet kein Problem mehr.

Die Krankenhäuser auf den Azoren sollte man auch nicht mit High-Tech-PRIVAT-Kliniken in Deutschland vergleichen, sondern realistischerweise mit dem deutschen kleinstädtischen Standart. Von dem, was man da erleben kann, scheinst Du keine Vorstellung zu haben. Die Geschichte mit den Kopfschmerztabletten bei Hirntumor kann Dir auch überall auf der Welt passieren. Das ist zwar traurig, aber kein Beweis für eine überschnittliche Dummheit der Azorianer.

Ich schrieb: „Ich sehe keine BESONDERE Disfunktionalität in der azorianischen Gesellschaft“. Damit meine ich, dass es keine, über das überall übliche Maß hinausgehende gibt.
Den von Dir beschriebenen Wahn gibt es eben leider überall. In Deutschland werden die Blasmusik und die Häkeldeckchen nur durch RTL und ähnliche „kulturelle Errungenschaften“ ersetzt. In 5 Jahren vergisst man allerdings auch viel.

Die Welt auf den Azoren ist genauso wenig perfekt wie sonst wo auf der Erde (ich habe auch in sehr verschiedenen Ländern auf dieser Welt gelebt).
Wenn man sie verbessern will, reicht (wie immer und überall) Kritik alleine nicht aus. Persönliches soziales und politisches Engagement, echtes Verständnis für die sozialen, kulturellen und politischen Strukturen und vor allem viel Geduld sind die einzige Möglichkeit.
Pauschalurteile und Ablehnung meiner Mitmenschen dagegen, sind wenig hilfreich.
So ein Engagement ist nicht leicht und oft frustrierend. Immer und überall, nicht nur auf den Azoren. Frage mal ein paar Aktivisten in Deutschland oder sonstwo.

Auch in Deutschland sind nicht immer alle begeistert wenn ihnen ein Ausländer erklärt wie bescheuert sie sind und wie man es besser machen kann, selbst wenn er im Grunde eigentlich Recht hat. Vor allem wenn er ansonsten mit sozialem Engagement nicht sonderlich auffällt.

Freundliche Grüße
Ze

Inselindianer
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Beitrag von Inselindianer » 27.01.2010, 17:42

Hallo Ze,

viele Deiner Gedanken kann ich verstehen und nachvollziehen, obwohl ich den Azoreanern nie eine prinzipielle Unfähigkeit oder gar Dummheit unterstellt habe. Viele Dinge hier sind schwachsinnig, das habe ich gesagt.

So würde mich zum Beispiel interessieren, wer auf die Idee gekommen ist, den Flughafen von Pico in die Fallböenrichtung eines 2500 m hohen Berges mitten im Meer zu bauen. :roll: Von allen möglichen Plätzen ist dies der UNGEEIGNETSTE für einen Flughafen. Sehen kann man das daran, das im Winter und bei Wind kaum Flieger starten oder landen können, sondern über Terceira wieder zurück nach Lissabon fliegen (mit Passagieren). Wenn Dich diese Geschichte nicht an Schildbürgertum erinnert, was dann? Aber egal, die EU hats ja bezahlt...

"Es gibt 3 Sorten H-Milch, die sind alle azorianischen Ursprungs und eigentlich überall zu bekommen."

Die Milch geht auf den Kontinent und wird dort verpackt und wieder zurückgeschifft. Diese Milch ist biochemisch betrachtet: Gift. Außerdem kann man keinen eigenen Käse daraus herstellen. Frische Milch zu bekommen ist wirklich aufwendig und das finde ich anachronistisch, wo doch überall Kühe stehen und die EU dafür soviel blecht.

"Am Beispiel Windräder auf Pico: Die Dieselgeneratoren laufen auch deshalb, weil die Windräder eben doch nicht ausreichen."

Eben doch. Die von der EU finanzierten Windräder können 85% des Inselbedarfs abdecken. Für die restlichen 15% müsste man noch Diesel verbrennen, was eine enorme Einsparung wäre. Quelle: Enercon

"Warum, zum Beispiel, braucht man unbedingt einen Wäschetrockner?"

Wenn man 2 Kleinkinder hat, dann braucht man das. Im Winter ist es anders für uns leider nicht lösbar.

"Dort muss ein Politiker nur was von notwendigen Arbeitsplätzen erzählen und schon ist die Fabrik im Naturschutzgebiet kein Problem mehr."

Stimmt schon. Aber wenigstens ists ne Fabrik, die was produziert - und nicht nur Altmüll in der Landschaft.

"Wenn man sie verbessern will, reicht (wie immer und überall) Kritik alleine nicht aus."

Stimmt auch. Aber mit Kritik fängt es an. Bisher gab es hier ja kaum Kritik.

"Persönliches soziales und politisches Engagement, echtes Verständnis für die sozialen, kulturellen und politischen Strukturen und vor allem viel Geduld sind die einzige Möglichkeit."

Ein Deutscher in der Azoreanischen Politik? Na, das Thema diskutieren wir hier mal besser nicht. Hier bekommst Du als Deutscher nicht mal nen Job bei der Müllabfuhr.

"Auch in Deutschland sind nicht immer alle begeistert wenn ihnen ein Ausländer erklärt wie bescheuert sie sind und wie man es besser machen kann, selbst wenn er im Grunde eigentlich Recht hat."

Die Einschätzung kann ich nicht teilen und das ist auch genau der Unterschied zwischen unseren Kulturen. Die Deutschen haben so viel Einflüsse aus allen Himmelsrichtungen aufgesogen und kultiviert. Das war zumindest das Erfolgsrezept der Ära der Dichter und Denker und der industriellen Revolution. Was wir hier haben ist Unwissenheit und Starrsinn, gepaart mit falschen Stolz und (für mich nicht nachvollziehbaren)Komplexen. Das ist ein ganz trübes Süppchen, das die Entwicklung nicht gerade positiv beeinflusst und die Jugend von hier abwandern lässt.
Leider!

Viele Grüße,
Marcus

atras do sol
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paradies auf erden

Beitrag von atras do sol » 27.01.2010, 17:49

vielleicht wirklich nicht, aber für uns immer noch paradiesisch. ;-))

wir leben jetzt zwei jahre hier.
ok, noch keine ewigkeit, aber dennoch ausreichend, um ein erstes fazit zu ziehen. uns geht es gut. wir fühlen uns wohl. verdammt wohl.

ich war im november/dezember zwei wochen in deutschland. und ich war froh, als ich wieder "zu hause" war.

übrigens, nicht immer alles so verbissen definieren, indianer. das die azorianer nicht seit mehreren hundert jahren stahlbeton-fundamente gießen, ist schon klar.
ich meinte damit eher diese "pi mal daumen"- vorgehensweise.

ich mochte in deutschland nie jene ausländer, welche ins land kamen, jede wirkliche integration ablehnten und dann murrten. hier bin ICH der ausländer, hier muss ich mich integrieren. ich denke, meinem mann und mir ist es sehr gut gelungen. wir bekamen von anfang an viel hilfe und unterstützung, was sich bis heute nicht geändert hat. wir haben azorianische freunde, werden von allen seiten begrüßt, wenn wir auf den festen auftauchen, haben aber auch einen kleinen, sehr guten freundeskreis unter den deutschen gefunden. jeder macht sein ding für sich und wenn man lust hat, eben auch mal gemeinsam. alles locker und ungezwungen.
auf sao miguel ist bestimmt vieles einfacher, als auf einer der kleineren inseln. deshalb entschieden wir uns auch für sao miguel. wir haben damals alles durchgekaut. jedes für und wider. mein mann hatte santa maria ins auge gefasst. ich flog hin, im winter. traumhaft schön, aber viel zu einsam. dort wäre ich nicht glücklich geworden. ich flog im nächsten winter nach sao miguel. hatte stromausfälle, sturm, regengüsse.
insgesamt flog ich 5 x (immer im winter) hierher. und war danach immer noch begeistert.

was die ärztliche versorgung anbelangt, kann ich mich nur Ze anschließen. auf die nase fallen kann man überall. ist mir hier auch schon passiert. aber ebenso in deutschland.

ganz wichtig finde ich, dass man hier ein hobby hat. irgend etwas, dass einen ausfüllt. bei meinem mann ist es die gartenarbeit und das angeln. wenn alles groß wird, was wir in den letzten jahren angepflanzt haben, werden wir uns in kürze mit der machete einen weg zum haus schlagen müssen. wenn wir auf die angelei meines mannes angewiesen wären, würden wir allerdings verhungern. ;-))

bei mir ist es das schreiben. ich hatte dafür in deutschland nie zeit. jetzt ist sie da und ich nutze sie. seit einem jahr widme ich mich diesem hobby mit begeisterung.

hunde-elend auf den azoren? auch da ein großes lob an die azorianer. es hat sich immens viel getan, in den letzten jahren. natürlich auch hier wieder eher auf der hauptinsel zu bemerken. rom ist allerdings bekanntlich auch nicht an einem tag errichtet worden.

es zählt nicht immer das "wie schnell", sondern viel mehr das "ob überhaupt" etwas in die richtige richtung geschieht. und das tut es.

als ich frischer deutschland-import war ... oh je, ich war so hibbelig, dass ich bei der ständigen warterei, auf alles und jeden, hätte die wände hochgehen können. und heute? ich schlage sie alle! *lach*

also indianer: ans lagerfeuer hocken, friedenspfeifchen rauchen ... und positiv nach vorne schauen. dann klappts auch mit der zufriedenheit.

einen sonnigen gruß an alle
fabiana

atras do sol
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Beitrag von atras do sol » 27.01.2010, 18:12

nochmal ich ;-)

habe jetzt erst deinen letzten eintrag gelesen, indianer, und ich verstehe dich nicht.
was war es denn, was dich mal so begeistert hat, dass du auf den azoren leben wolltest?

bei mir waren es:

die natur und natürlichkeit, die gelassenheit der menschen, all das urige, diese ganz anderen prioritäten, welche hier vorrang haben, also so ziemlich alles, was die azoren von deutschland unterscheidet.

wenn ich all deine kritik lese, und alles in deinem sinne sich verändern würde ... was bliebe dann noch von dem, was ich hier so liebe?

mein garten ums haus? den hatte ich auch in deutschland. nicht ganzjährig so grün, aber immerhin ein garten.

Inselindianer
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Von Straussenzucht und Kuh-Lobbies

Beitrag von Inselindianer » 27.01.2010, 20:55

Hallo Atras do sol!

Erstmal ein großes Kompliment dafür, dass Du meine Kritik nicht persönlich genommen hast. Mit Kritik macht man sich hierzulande nämlich meistens Feinde.

Integration ist eine schwierige Sache. Sowohl hier als auch in Deutschland.
Wenn aber Integration bedeuten soll, dass man als Ausländer nichts kritisieren darf, dann ist das, glaube ich, eine Fehlinterpretation des Begriffs. Natürlich kann man auf dem Standpunkt beharren, dass alle, denen hier etwas stinkt, doch wieder nach Hause gehen sollen. Aber gerade das wäre ja kontraproduktiv für die positive Entwicklung der Inseln.

Wir sind wahrscheinlich aus den gleichen Gründen hergekommen, wie viele Ausländer, die der Zivilisation entkommen wollten. Die Lage mitten im Meer, keine Industrie, Ursprünglichkeit, sauberes Trinkwasser aus der eigenen Zisterne, frischer Fisch und die Möglichkeit zur Selbstversorgung inkl. Tierhaltung.

Mein Blickwinkel hat sich schlagartig geändert, als wir unsere erste Tochter bekommen haben. Da fing ich an, über die soziale Struktur nachzudenken und wie die Zukunft so aussehen könnte, sowohl beruflich für einen selbst, als auch die Möglichkeiten, die diese Gesellschaft heranwachsenden Kindern bietet. Klar, für das Kleinkindalter gibt es wahrscheinlich keinen besseren Platz auf der Welt: so gut wie keine Kriminalität, kaum Verkehr und viel Natur.

Aber es gibt auch Kehrseiten. Während die Kosten für Nahrungsmittel hier fast doppelt so teuer sind wie in D, verdienen viele Menschen nur 500 Euro im Monat. Alle kompetenten jungen Leute, die ich kennengelernt habe, sind weggezogen und leben jetzt auf dem Kontinent oder sogar in England und den USA. Das liegt daran, dass die Politik das EU-Geld in Bauprojekte steckt, um darüber die Inselökonomie kurzfristig zu stimulieren. Reich werden dabei nur die Bauunternehmer.
Beispiel: Es wurde in S. Roque für mehr als 1 Mio. eine postmoderne Bibliothek gebaut. Darin befinden sich so wenig Bücher, dass ich den Eindruck habe, dass sich in meinem Bücherregal zuhause mehr Literatur befindet. Und dieses Beispiel zeigt deutlich: Es geht nur um das Bauen und das In-Umlauf-Bringen von EU-Geld, nicht um die Bildung. Es werden mittel-und langfristig keine Weichen für eine bessere Zukunft gestellt. Man denkt nur für den Moment. Du kannst jetzt sagen, das sei doch entspannt südländisch, aber: die Folgen des wirtschaftlichen Einbruches werden die Azoreaner nicht selbst tragen, sondern wieder an die Türen der EU in Brüssel klopfen. Ein Endlosspiel, dass ich sehrwohl kritisieren darf, weil ich ja selbst auch in diesen Topf einzahle.

Ich würde mir wünschen, das volle Potential der Inseln auszunutzen.
Dazu gehört nachhaltige Energiegewinnung aus Wind und Wasser, Bildung und Austausch mit anderen Kulturen (und Inseln) und vor allem: Arbeitsplätze schaffen. Da gibt es noch viel Potential, um die Jugend auf den Inseln zu halten. Beispiel: Es hat mal jemand probiert, hier eine Straussenzucht aufzubauen. Er wurde von der Kuh-Lobby boykottiert.

Es muss etwas zum Exportieren geben und das sind nicht Kühe, Orangen oder Wein, denn diese Sachen produziert man anderswo viel effektiver und besser. Um die Inseln zu erhalten (biologisch, wirtschaftlich und sozial) braucht man eine Nische, mit der man Geld verdienen kann. Darum sollten sich die Leute kümmern, um ihre (und jetzt auch meine) Zukunft hier nicht zu versauen.

Weißt Du, für mich bräuchte es kein Geld geben - ich wäre auch in einer großen Inselkommune glücklich - aber diese Zeiten wurden von den Azoreanern selbst beendet. Gäbe es nämlich noch den Familienzusammenhalt von "damals" und die Großfamilie, dann hätte man auch dem Kapitalismus den Stinkefinger zeigen können.

So, jetzt schreien die Kinder und ich muss schlussmachen. Vielleicht trifft man sich ja mal zu einem Kaffe bei Peters?

LG,
Inselindianer

atras do sol
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Registriert: 26.05.2008, 23:10

Re: Von Straussenzucht und Kuh-Lobbies

Beitrag von atras do sol » 27.01.2010, 22:20

hallöle indianer,

es ist nicht so, dass ich nicht verstehe, was du meinst. wir haben auch keine kleinen kinder mehr, an deren zukunft wir HIER denken müssen. aber fakt bleibt, dass ihr bei der auswanderung eben auch die familienplanung hättet berücksichtigen müssen. das klingt jetzt schlimmer, als ich es meine. sorry dafür.

heißt aber auch, hättet ihr keine kinder, wärt ihr noch immer zufrieden. ;-)

nun habt ihr welche und müsst mit den wenigen möglichkeiten für ihre zukunft klar kommen, wie die azorianer eben auch. die tochter unserer freunde ist hier geboren und aufgewachsen. vielleicht beruhigt es euch ein wenig, wenn ich sage, sie ist ein wundervolles mädchen und gerade auf der universität in terceira (wird das so geschrieben?) ;-)

und anschließend? tja, dass fragen sich hunderttausende von eltern in deutschland jeden tag. bis dahin aber haben eure kinder das ganz große glück, in einer fast "heilen welt" aufzuwachsen. (auf die kinder bezogen)

nenne mir einen nachteil, ich finde ganz sicher zwei vorteile zum gegensetzen. ;-))

während du kaum erwarten kannst, dass sich hier vieles verändert, macht mir der gedanke angst, ob die azoren in 10 jahren noch DAS sein werden, weshalb ich hergekommen bin.

jedem menschen recht getan ... usw. usf.

einen pott kaffee? aber gerne. sollte ich endlich mal nach pico kommen, werde ich mich vorab melden. ;-)

schönen abend noch
fabiana

ps:
was diese geldpolitik betrifft, die sieht man nirgendwo deutlicher, als auf sao miguel. natürlich sträuben sich einem da mitunter die haare, aber es ist auch in diesem punkt nicht anders, als überall auf der welt. nur eben auf kleinstem raum geballt und deshalb überdeutlich.

Ze
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Beitrag von Ze » 27.01.2010, 22:27

Danke Fabiana atas do sol für Deine guten Argumente,
vor allem für das „auf dem richtigen Weg“.

Als ich vor nun gut 20 Jahren auf die Azoren kam, gab es in meinem Dorf gerade mal seit 25 Jahren einen Wasseranschluss für jedes Haus. Erst nach der Revolution entstand ein Gesetz das jedem Haus auch ein Badezimmer vorschrieb (und auch finanzierte).
Im ganzen Dorf gab es ein Telefon, in der Schule saßen alle Klassen in einem Raum.
Unter jeder Brücke stapelte sich der Müll in den Riberas. Müllabfuhr gab es keine.
Als ich mit unserer Katze zum Tierarzt wolle, wurde ich ausgelacht, denn so etwas gab es nur für Kühe.
Die Behörden waren noch sehr von Geist der Salazar-Zeit durchdrungen.
An touristischer Infrastruktur gab es einen uralten Leihwagen, quasi ohne Bremsen und mit Löchern im Bodenblech. Kein Zahnarzt, weder auf Pico noch auf Faial.
Gemüse hatte man entweder im eigenen Garten oder gar nicht. Salat wurde bestenfalls als Futter für Kühe betrachtet.
Auf Flores wurde mir unterstellt ein Spion zu sein, denn niemand käme wohl aus freien Stücken auf diese Insel (Meine Frage, was es den hier zu spionieren gäbe, konnte allerdings auch nicht befriedigend beantwortet werden).
Einmal gab es wochenlang keine H-Milch (die –immer noch- auf s.Miguel (und Terceira? ) hergestellt wird) weil wegen des schlechten Wetters das Schiff mit der Folie, aus der die Verpackung gemacht wird, nicht angekommen war.
Ebenso gab es im Winter immer wieder lange Versorgungslücken wegen dem Wetter. Besonders auf Flaschengas und Zement musste man oft Wochenlang warten.
Die einzige Fremdsprache, die ganz wenige rudimentär gelernt hatten war Französisch.
Schulische Berufsausbildung im Handwerk gab es nicht.
Tagelange Strom- und Telefonausfälle, selbst nach kleinen Stürmen.
(Hier höre ich auf, es könnte Seitenweise so weitergehen)

Seit damals (und bevor die EU-Gelder kamen) hat sich all dies und noch viel mehr in sehr positiver Weise geändert.
Entmüllung der Landschaft (auch wenn es immer wieder ein paar Frefler gibt).
Einrichtung und echter Schutz vieler Naturschutzgebiete.
Einrichtung der „Vigilantes“. Einer Natur und Umweltschutztruppe mit fast polizeiähnlichen Befugnissen und sehr viel Kompetenz.
Kostenlose Müllabfuhr.
Eine beispiellose Verbesserung der Schulbildung (während es in D. damit abwärts ging).
Einführung breit bildender Berufsschulen.
Tierärzte für Katzen und Hunde.
Tierheime für herrenlose Hunde.
Gemüse und Salat gehören heute zum Standartessen.
Versorgungsengpässe gehören der Vergangenheit an.
Kurzfristige Stromausfälle nur noch bei Wartung oder schweren Stürmen.
Am Flughafen in Horta kann ich meinen Kaffee in deutsch bestellen, ansonsten praktisch überall in englisch.
Der Standart und die Kompetenz der Ärzte der Hospitale in P.Delgada, Terceira und Horta haben das Niveau des Kontinentes erreicht.
Gute Zahnärzte auf den meisten Inseln (auch auf Pico).
Kostenlose Sprachkurse für Einheimische und Ausländer.
(auch hier könnte ich lange weitermachen)

Das alles schon VOR dem EU-Geldfluss!
Hey, und da sollen die Leute nicht stolz sein über das was sie in so wenigen Jahren geschaffen haben?
Jeder Azorianer, der die „alten“ Zeiten noch kennt, kann da irgendeine Kritik, dass das noch viel zu wenig ist, doch einfach nicht verstehen!

Und von wegen: es gäbe keine Kritik von Seiten der Azorianer. Lest doch mal die Zeitungen! Mittlerweile gibt es auch im Internet Diskussionen unter Azorianern mit viel ernster (und kompetenter Kritik).
Nur ein Beispiel: http://www.acores.net
Davon gibt es noch mehr, man muss es halt nur suchen. Die Azorianer kommen kaum zu uns um über ihre Kritik mal mit einem Ausländer zu sprechen.



Hallo Markus,
für Dich sind die Lebensmittel doppelt so teuer wie in Deutschland? Wann warst Du das letzte Mal in einem deutschen Laden? Oder bestehst Du einfach darauf die gleichen (importierten) Lebensmittel zu benutzen?

Ich hätte nie gedacht das es einmal so weit kommt, aber jetzt habe ich fast den Spruch auf der Tastatur: „Frage nicht so viel was das Land für Dich tun kann, sondern…..“
Andere Frage: Wie viele Steuern hast Du in den 5 Jahren auf Pico bezahlt? Für Infrastruktur, Müllabfuhr und allem andern an dem Du partizipierst? Die Azorianer (Deine Nachbarn) zahlen!

Nichts für Ungut, aber ich kenne halt viele Azoren-Ausländer die sich auch über diese EU-Geld-Nehmermentalität der Azoren beklagen, aber selbst halten sie es für selbstverständlich das ihre Kinder Kindergärten und Schulen haben, es Krankenhäuser gibt, der „Staat“ für sie da ist, wenn sie ihn brauchen, aber Steuern zahlen als echte Zumutung betrachten.
Von der EU solls nicht kommen, von ihnen auch nicht, dann also wohl von dem azorianischen Nachbarn? Oder?

Viele Grüße
Ze

Inselindianer
Beiträge: 20
Registriert: 25.01.2010, 23:58

Beitrag von Inselindianer » 28.01.2010, 10:29

Hallo Ze,

vieles ist Ansichtssache und kommt darauf an, womit man es vergleicht.
Aber Deine persönlichen Fragen kurz kommentiert:

"Wie viele Steuern hast Du in den 5 Jahren auf Pico bezahlt?"

Außer den Grundsteuern, der Mehrwertsteuer und den Steuern, die für Bau etc. anfallen, so gut wie gar keine, weil es für mich hier auch kaum Arbeitsmöglichkeiten gibt. Meine Einkommensteuern habe ich in Deutschland bezahlt. Aber das ist doch egal - geht doch sowieso alles in den EU-Topf!

"Für Infrastruktur, Müllabfuhr und allem andern an dem Du partizipierst? Die Azorianer (Deine Nachbarn) zahlen!"

Nö, Müllabfuhr bezahle ich monatlich mit der Wasserrechnung und die Autosteuer entrichte ich auch wie jeder normale Mensch. Aber die Straßen werden doch auch von der EU bezahlt, mein lieber Ze!

"Nichts für Ungut, aber ich kenne halt viele Azoren-Ausländer die sich auch über diese EU-Geld-Nehmermentalität der Azoren beklagen, aber selbst halten sie es für selbstverständlich das ihre Kinder Kindergärten und Schulen haben, es Krankenhäuser gibt, der „Staat“ für sie da ist, wenn sie ihn brauchen, aber Steuern zahlen als echte Zumutung betrachten.
Von der EU solls nicht kommen, von ihnen auch nicht, dann also wohl von dem azorianischen Nachbarn? Oder?"

Das ist nun wirklich der größte Quatsch, den Du bis jetzt von Dir gegeben hast! Du malst hier ein Bild des sozialschmarotzenden Deutschen Auswanderers - eine Phantasiefigur, die in der Realität hier nie existieren könnte. Weist Du was man hier an Kindergeld bekommt? Offensichtlich nicht. Es ist ein Witz. Wenn ich es darauf anlegen würde, dann wäre ich jetzt in Deutschland: da bekommt man für 2 Kinder bereits über 400 Euro pro Monat. Und im übrigen zahlen auch wir für den Kindergarten.

Aber wir können gerne mal analysieren, inwiefern die Geldberge, die wir in den vergangenen 5 Jahren in die Inselökonomie geschaufelt haben, der wirtschaftlichen Situation hier vor Ort zuträglich waren. Und hierbei geht es nicht nur um Geldumgeschaufele, sondern um echten Import von Devisen aus dem Ausland. Damit haben wir einen größeren Beitrag zum Wohlstand hier vor Ort geleistet, als ein normaler Steuerzahler...

Gruß,
Inselindianer

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