Nach langer Zeit schaue ich mal wieder hier herein um zwei Glossen zum Lissaboner Flughafen loszuwerden. Auch wenn es kein reines Azorenthema ist, so ist doch der Flughafen dort für jeden von uns ein wenig die Tür Nachhause. Für die Einen in der einen Richtung, für die Anderen in der anderen
Hier die Erste:
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Hunde mit Mäntelchen im Winter finde ich nur peinlich.
Entwürdigend und geschmacklos wird es aber, wenn die Hundebesitzer ihre lieben Kleinen mit Sonnenbrille und Karnevalshut ablichten.
Aber zur Sache:
Seit ich mich regelmäßig am Lissaboner Flughafen aufhalte (und das sind jetzt gute 25 Jahre), beobachte ich den Wandel dieses Ortes. Nur wenige werden sich noch an die unglaublich bequemen, breiten und tiefen Ledersofas, in mehreren Gruppen angeordnet und jeweils von einer kleinen Bar begleitet, erinnern.
Und an diesen Barkeeper, in seinem stets tadellosen schwarzen Anzug und der korrekt gebundenen Fliege. Typ: Oberkellner aus einem Luxushotel der alten Zeit. Freundlich, aber nie auch nur eine Spur zu viel. Ein wenig spürte man schon die Herablassung, mit der er sich stets überwand auch so einem einfachen Menschen wie mir den Kaffee zu servieren. Egal wie viel oder wie wenig Trinkgeld man auch gab, nie verriet das leiseste Zucken in seinem Gesicht Enttäuschung oder Freude.
Die Jahre vergingen, ich wurde älter, aber der Kellner war mir stets ein paar Jahre voraus.
Und mit uns verwandelte sich der Lissaboner Flughafen. Ausbaustufe folgte auf Ausbaustufe, jede noch ein wenig chaotischer und hässlicher. Die Ledersofas wichen brettharten Plastikstühlen, aus dem Bartresen meines Oberkellners wurde etwas Ähnliches wie eine Metzgereitheke. Der Cocktailschwenker machte einer Zapfanlage für bunte Chemiewässer platz.
Dem Barkeeper jedoch war seine Degradierung zum Buffetier kaum anzumerken. Anzug und Fliege waren tadellos wie zuvor, nur sein Eifer hatte einer etwas ruhigeren Arbeitsweise Platz gemacht.
So blieb es wiederum für einige Jahre. Während ich auf die Sechzig zusteuerte, hatte er sie sicher gerade überschritten als ich ihn dann wieder traf.
Allerdings ohne Anzug und Fliege. Man hatte ihn jetzt in einen schlecht gebügelten Kittel gesteckt und hinter eine Art McDonnalds-Schalter gestellt. Das schlimmste aber war etwas anderes:
Wie um seine ganze Ausbildung und Erfahrung, seinen früheren Stil und Souveränität zu verhöhnen, hatte man ihm eine bedruckte Papiermütze auf den Kopf gesetzt.
Ich beobachtete ihn lange. Sein Gesicht hatte auch jetzt noch die professionelle Ausdruckslosigkeit, wie man sie nur durch jahrzehntelanges Üben erreicht. Die traurigen Augen dazu haben mir aber richtig weh getan. So geht er jetzt in Rente. Als lächerlicher Dackel, mit Paletot, Sonnenbrille und Narrenkappe.
Selten habe ich die Unmenschlichkeit unserer modernen Zeit, diesen hohlen „Livestyl“, diese abgrundtiefen Dummheit und Oberflächlichkeit, tiefer in meinem Bauch gespürt.
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Liebe Grüße
Ze